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Foto © Yannick Andrea

Auszug aus dem Interview von Julia Kaiser mit Festivalintendant Marco Amherd. (Das ganze Interview ist im Magazin 01/2020 erschienen.)

Dirigent und Organist Marco Amherd hat im Herbst 2019 im Alter von 31 Jahren die Intendanz des DAVOS FESTIVAL angetreten. Er studierte in Zürich, Freiburg im Breisgau und Toulouse und konzertiert heute europaweit als Organist und Dirigent. Für seine Arbeit mit zahlreichen Chören im In- und Ausland und als Solist hat er etliche Auszeichnungen erhalten, darunter den Ersten Preis der Elitekategorie des Schweizerischen Chorwettbewerbs mit dem Vokalensemble Zürich West. Er verbindet oft und gerne Alte Musik mit zeitgenössischen Klängen – und bringt diese Handschrift nun nach Davos.

 

In Deinem ersten Jahr als Intendant des DAVOS FESTIVAL hast du das Thema «Von Sinnen» gewählt. Wie bist du darauf gekommen? 

Es ist verblüffend, in wie vielen Begriffen und Redewendungen der deutschen Sprache das Wort «Sinn» enthalten ist. Zunächst denkt man vielleicht an Unsinn oder den Sinn des Lebens. Dass es aber auch einen Grössenwahnsinn gibt und einen Leichtsinn oder einen Zeitsinn, möchte ich im Festival entdecken. In den einzelnen Konzerten soll die Tiefe der Bedeutungen ausgelotet werden. Wenn ich ein «Unsinn-Konzert» plane, beschränkt sich das nicht auf die spöttische Frage: Ist das Kunst oder kann das weg?, sondern ich möchte Gedanken darüber anregen, was Unsinn wirklich ist. Beim Thema «Tiefsinn» darf umgekehrt auch eine Leichtigkeit aufkommen.

 

 

Wann warst du selbst musikalisch zuletzt von Sinnen?

Das ist immer wieder in Konzerten der Fall. Ich lasse mich dann von der Musik führen und mag es auch, wenn in einer Aufführung Überraschungen für die Musikerinnen und Musiker möglich sind. Wenn ich Tempi plötzlich verändere und sehe, was in diesem Moment alles möglich ist, um schliesslich etwas Neues daraus entstehen zu lassen.

Manchmal ist es gewagt, so ganz frei zu gestalten, aber ich finde, dass das zur Musik dazugehört: sich nicht nur in der eigenen Komfortzone zu bewegen, sondern auch Grenzen auszuloten. Als Musiker hat man das Korsett der Komposition, aber schon mit der Programmwahl habe ich die Möglichkeit, Kombinationen zu finden, die vielleicht noch nie so dagewesen sind.

Wenn ich ein «Unsinn-Konzert» plane, beschränkt sich das nicht auf die spöttische Frage: Ist das Kunst oder kann das weg?

Beim DAVOS FESTIVAL treffen sich Gleichgesinnte, die Besucherinnen und Besucher der letzten Jahre heben den Gemeinsinn hervor, den sie hier erfahren haben. Setzt du das nicht auf’s Spiel, wenn du dich «Von Sinnen» gibst?

Ich denke, dass Musik, vor allem in unserer Zeit, etwas sehr Vereinendes haben kann. Es ist schön, dass viele diese Verbindung hier schon spüren. Ich möchte aber auch neue Zielgruppen ansprechen, die sich vielleicht einbinden lassen oder auch einfach dazukommen. Das DAVOS FESTIVAL zeichnet sich vor allem durch seine Offenheit aus. Meine Vorgängerin und Vorgänger in der Intendanz haben eine grosse Bandbreite angeboten, von eher konservativen bis zu ganz freien Programmen. Das Publikum ist immer sehr offen dafür, und das gibt mir viele Möglichkeiten, auch Neues auszuprobieren und neue Zuschauerinnen und Zuschauer zu gewinnen.

Als du dich entschieden hast, Intendant des DAVOS FESTIVAL zu werden, warst du ganz bei Sinnen?

Ich hatte nie bewusst daran gedacht, einmal Intendant zu werden. Aber rückblickend habe ich das in den letzten zehn, fünfzehn Jahren längst gemacht. Ich bin jemand, der sehr gerne neue Ensembles oder neue Formate gründet. Wenn ich Alte Musik machen wollte, habe ich eben ein Ensemble für Alte Musik gegründet und dafür Programme konzipiert. Im kleineren Rahmen erfüllt man dabei bereits die Aufgaben eines Intendanten. Beim DAVOS FESTIVAL bekomme ich genau für mich passende, grösser dimensionierte Möglichkeiten. Ich liebe es, ein Programmthema als roten Faden zu finden und möchte dabei andere Künstlerinnen und Künstler miteinbeziehen, nicht nur mein eigenes Süppchen kochen.

Du bist Organist und Dirigent, versiert vor allem in der Alten Musik und auch in der Volksmusik. Ist dadurch die programmatische Richtung skizziert, die das DAVOS FESTIVAL in Zukunft nehmen wird?

Es macht doch das Leben gerade spannend, dass man immer wieder gewohnte Pfade verlassen und andere Dinge ausprobieren kann! Ich versuche als Intendant, mit den Musikern ein bisschen Pingpong zu spielen. Klar gibt es Bereiche, in denen ich Experte bin, aber es gibt auch solche, in denen ich nur Liebhaber bin. Zum Beispiel kenne ich nicht alle Streichquartette von Beethoven auswendig, freue mich aber, mich bei der Programmierung dieser Werke mit anderen Musikerinnen und Musikern auszutauschen. Das ist vielleicht eine Stärke von mir. Ich bin ein offener Mensch, der das Gespräch sucht und gern in Teamarbeit danach strebt, etwas Neues zu gestalten.

Hören wir einem Werk heute an, ob der Komponist es in einer Sinnkrise oder aber aus einer Euphorie heraus komponiert hat?

Welche Elemente fügst du dem DAVOS FESTIVAL hinzu?

Alte Musik hat es bisher in Davos nicht gegeben, zumindest selten auf historischen Instrumenten. Das Ensemble Cardinal Complex wird unter anderem ein Konzert zum Thema «Wahnsinn» gestalten. Zudem entsteht eine ganze Konzertreihe zum Thema «Wortsinn». Ich habe bewusst ein philosophisches Thema gewählt und möchte Musik mit Worten kombinieren. In gemütlicher Kaffeehausatmosphäre steht jeweils ein Buch im Mittelpunkt, das mit passender Musik verbunden wird.

Um philosophische Fragen und Diskussionen anzustossen, gibt es in diesem Jahr auch einen «Philosopher in Residence». Die Philosophin Catherine Newmark, die im SRF regelmässig bei der «Sternstunde Philosophie» zu Gast ist, wird die Konzertthemen auf einer alltagsphilosophischen Ebene beleuchten. Hören wir einem Werk heute an, ob der Komponist es in einer Sinnkrise oder aber aus einer Euphorie heraus komponiert hat? Wie manifestiert sich heutzutage ein Sinnesrausch? Zusätzlich werden auch Poetry Slammer nach Davos reisen, um eine moderne Form des gesprochenen Wortes zu zeigen und diese mit dem romantischen Kunstlied zu verbinden.

Vom österreichischen Komponisten Gerald Resch wünsche ich mir Einblicke in seine Arbeitsstube. In einem moderierten Gespräch hat das Publikum die Möglichkeit, Fragen zum Kompositionsprozess zu stellen. Ein neues Werk wird so von seinem Schöpfer in der Entstehung beleuchtet, gespielt und dann am Abend nochmals aufgeführt, sodass man es zweimal hören und erleben kann.

Hat das Publikum auch Gelegenheit, seine philosophischen Gedanken einzubringen?

In der DAVOS FESTIVAL Sinnbox wird es dazu Gelegenheit geben. Wie immer finden die 5-Minuten-Konzerte dort 1:1 statt, es spielt ein Interpret für einen Zuschauer. Auf einer Liste finden sich Sinnthemen, die Besucherin oder der Besucher wählt eines aus und die Musikerin oder der Musiker improvisiert darüber. Wer an einem Tag ein Konzert zum Thema «Sinnkrise» gehört hat, kann so vielleicht am nächsten in der DAVOS FESTIVAL Box einen neuen Aspekt dazu hören. Oder er sinnt auf der Festivalwanderung weiter darüber nach.

 


Julia Kaiser ist freie Hörfunkautorin im Bereich Kultur und Kulturvermittlung. In ihrer Arbeit als Medientrainerin vermittelt sie Künstlern und Wissenschaftlern, wie man im Interview eine gute Figur macht und sein Expertenwissen verständlich vermittelt. In dem von ihr entwickelten Projekt Junge Reporter, eine Journalistenakademie für junge Menschen, gibt sie ihre journalistischen Erfahrungen und ihre Faszination für ihren Beruf an Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene weiter.