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Text: Philipp Reichling (Dieser Text ist erschienen im Magazin 01/2020)

Ein beliebtes Small-Talk-Thema an gesellschaftlichen Anlässen, bei denen viel Alkohol konsumiert wird, sind englische Lehnwörter, die im Deutschen eine andere Bedeutung haben als in ihrer Ursprungssprache. Dass ein Handy in England zwar möglicherweise handy ist, aber nicht Handy heisst, ist eine allgemein bekannte und dennoch interessante Tatsache, genauso wie der Fakt, dass man in Amerika ein Theater in einem Tuxedo betreten darf, selbst wenn an der Tür no smoking steht.

Neulich erzählte mir eine mir nur am Rande bekannte Person bei einer solchen Gelegenheit, dass der Ausdruck «Public Viewing», wie wir ihn gebrauchen, nur im deutschen Sprachraum verwendet würde und sozusagen speziell für die Fussball-WM 2006 erfunden worden sei, weil das OK damals die FIFA aufgrund der zu grossen Ticket-Nachfrage gedrängt habe, öffentliche Übertragungen der Spiele zuzulassen. Im Englischen hingegen – so die mir nur oberflächlich vertraute Person – bezeichne public viewing eine öffentliche Leichenschau. Dies war ein mir gänzlich unbekanntes Faktum, dessen Unterhaltungswert ich als so hoch einschätzte, dass ich es mir für die spätere Weiterverwendung (die hiermit vollzogen wird) notierte. Zudem erinnere ich mich gerne an jenes Gespräch zurück, weil ich mir unter grosser Anstrengung jegliche naheliegende Bemerkung zum Vergleich zwischen schlechten Fussballspielen und öffentlichen Leichenschauen verkniffen habe. Man muss hart an seinen Gewohnheiten arbeiten, um die Person zu werden, die man gerne wäre.

Wie sich im Nachhinein bei einer kurzen Internetrecherche herausstellte, irrte die mir sonst nur flüchtig in Erinnerung gebliebene Person allerdings in einem Detail, insofern public viewing auf Englisch wohl nicht eine Leichenschau meint, sondern eine öffentliche Aufbahrung, ein Unterschied, dessen sich insbesondere Menschen mit schwachem Magen bewusst sein sollten. Dies hinterliess ein leichtes Gefühl der Enttäuschung in meiner Brust, denn die Anekdote verlor dadurch das angenehme Kribbeln des Gruselfaktors. Nichtsdestotrotz sind solche Fun Facts meines Erachtens ein hervorragendes Instrument, um peinliches Schweigen, das Reden über sich selbst und das Anderen-beim-über-sich-selbst-Reden-zuhören-Müssen zu vermeiden. Sie sollten in Ehren gehalten und ihre Verbreiterinnen gepriesen werden: Verkünderin von unnützem Wissen, in meinen Hallen bist du willkommen.

Personen, die sich über die Verwendung von «Sinn machen» beschweren, sollte man dezent auf ihre Taktlosigkeit hinweisen und sie im Wiederholungsfall gesellschaftlich ächten.

Ein verwandtes, aber gänzlich unsympathisches Phänomen ist das Korrigieren von vermeintlich falschen, aus dem Englischen übernommenen Redensarten. Speziell abgesehen haben es die Wächterinnen der Sprache dabei auf den Begriff des Sinnes. Es sind nicht viele Meter, die man an den geisteswissenschaftlichen Fakultäten hiesiger Universitäten gehen kann, ohne irgendwo zu hören, dass es eben nicht «Sinnmachen» heisse, sondern höchstens «Sinnergeben». «Sinn machen» sei dem englischen making sense entlehnt und ergebe auf Deutsch gerade keinen Sinn, weil Sinn nicht hergestellt werden könne. Vor zwanzig Jahren – als diese Redensart noch frisch war – mag es angebracht gewesen sein, Leute, die sie verwendeten, auf das Malheur aufmerksam zu machen, sie zu korrigieren mag ein hehrer Versuch demütiger Sprachpflege oder ein unschuldiges Vermitteln sprachlicher Fun Facts wie im Falle des Public Viewings gewesen sein. Doch mittlerweile ist es bloss noch ein kleingeistiges Herumreiten auf sprachlichen Feinheiten, das eher von besserwisserischen Überlegenheitsgefühlen zeugt als von tiefer Sorge um die Genauigkeit der Sprache. Personen, die sich über die Verwendung von «Sinn machen» beschweren, sollte man dezent auf ihre Taktlosigkeit hinweisen und sie im Wiederholungsfall gesellschaftlich ächten.

Das bedeutet natürlich nicht, dass sie nicht richtigliegen. Sie liegen richtig. Denn etwas kann wohl sinnvoll, eine Tätigkeit kann sinnstiftend sein und Dinge können Sinn ergeben, doch Sinn kann nicht gemacht, nicht hergestellt werden. Aber richtigliegen und dies allen unter die Nase reiben sind zwei verschiedene Paar Schuhe, und während es sich bei ersterem um handgearbeitete und dennoch fair bezahlte Edelschuhe handelt, bei deren Herstellung kein Tier zu Schaden gekommen ist, ist letzteres das Äquivalent zu Silvio Berlusconis abgetragenen Crocs, die dieser bei seinen Bunga-Bunga-Partys mit Fusspilz vollschmierte. «Wirklich?», mag an dieser Stelle jemand einwenden, «ein Berlusconi-Witz im Jahr 2019?» Aber davon bleibe ich unbeeindruckt, denn dass dauerndes Repetieren das einzige Mittel gegen das Vergessen ist, ist eine Wahrheit, die ich mir hart erarbeiten musste.

Und in diesem Moment ergab das auch alles Sinn.

Eine Wahrheit für Pippi Langstrumpf wiederum ist, dass zwei mal drei vier macht. Und während wir sie möglicherweise sachte darauf hinweisen würden, dass die mathematischen Gesetzmässigkeiten ihr widersprechen, hätten wir nur wenig Verständnis, wenn sich jemand erdreistete, sie anzuschreien: «Ergibt! Nicht macht! Zwei mal drei ergibt vier! Nicht macht vier! Vier wird nicht gemacht! Niemand stellt vier her! Es ergibt sich bloss aus der mathematischen Operation!», und mit derselben Verachtung, mit der wir auf diesen Unhold blickten, sollten wir auch auf diejenigen schauen, die darauf bestehen, alle anderen darauf hinzuweisen, dass Sinn nicht gemacht wird.

Vielleicht ist es auch ganz gut, dass Sinn nicht gemacht werden kann, denn dann würden viele Menschen verhungern. Man denke nur an all die Aschrams in Indien, die von jutebetuchten Westlern auf Sinnsuche am Leben gehalten werden: sie blieben leer. Man denke an all die Kirchen, Tempel und Moscheen, die den Menschen Sinn im Leben versprechen: niemand ginge mehr hin. All die Klosterschulen, die sich Mühe gaben, sexuellen Missbrauch wenn nicht zu verhindern, dann zumindest zu vertuschen: sie wären überflüssig. Paulo Coelho hätte kein einziges Buch verkauft. Wäre das eine Welt, in der wir leben wollten?

«Ja», mag manch eine darauf antworten, und wer könnte es ihr verübeln? Vielleicht also ist der Ausdruck «Sinn machen» gar keine Fehladaption aus dem Englischen, die aus Unwissenheit und Faulheit geboren wurde, sondern vielmehr der Ausdruck eines Wunsches, dass es doch möglich wäre, Sinn herzustellen, zu machen. Vielleicht ist das Benutzen des Ausdrucks bloss ein Akt der Revolution gegen die herrschenden Verhältnisse, in denen Sinn Mangelware ist und wir ihn in unseren Leben nicht einfach produzieren können, sondern mühsam suchen müssen. Wie bei Pippi Langstrumpf, die sich nicht um die Regeln schert und ganz einfach erklärt, dass zwei mal drei vier macht. Indem sie es sagt, beugt sie die Welt ihrem Willen. Und so wird auch «Sinn machen» verwendet, als Zauberformel, als Ausdruck der tiefen Sehnsucht danach, Sinn zu generieren und Erlösung von unserem allzu oft als sinnlos empfundenen Dahinvegetieren zu erlangen. Vielleicht. Vielleicht ist das aber auch alles Unsinn, und «Sinn machen» ist bloss eine für die deutsche Sprache unpassende Adaption des englischen making sense.

Erlösung in einer ganz anderen Sache wiederum erfuhr ich neulich in Padua, als ich eine Führung durch das historische Universitätsgebäude besuchte. Padua besitzt eine der ältesten Universitäten Europas, und neben Räumen, in denen bereits Galilei Vorlesungen gehalten hat, kann man dort auch den ersten permanenten anatomischen Lehrsaal der Welt besichtigen. Wobei Saal hierfür ein grosses Wort ist, handelt es sich doch vielmehr um eine sich nach unten verjüngende, umgekehrte Pyramide, die auf sechs Stockwerken von Galerien umgeben ist, auf denen sich damals die Studenten aufhielten, um dem Professor bei der Obduktion zuzuschauen. Die engagierte Studentin, die die Führung leitete, erwähnte dabei, dass nicht nur Studenten bei diesen Lektionen anwesend waren, sondern auch Vertreter des Klerus und interessierte Angehörige des Adels. Man könnte eine solche Obduktion – so schloss sie – durchaus als Public Viewing bezeichnen. «Also doch!», dachte ich, «die mir nur am Rande bekannte Person hatte Recht gehabt, ein Public Viewing bezeichnet eine Leichenschau.» Und in diesem Moment ergab das auch alles Sinn.



Philipp «Phibi» Reichling ist Doktor der Philosophie und Spoken-Word-Künstler aus Zürich – und hat seit 2006 mit grossem Erfolg an unzähligen Poetry Slams im In- und Ausland teilgenommen. Er veranstaltet monatlich den Poetry Slam in der Acapulco Bar und ist Organisator und Moderator der Poetry Slams in der Roten Fabrik, in der Badi Enge und nicht zuletzt bis vor Kurzem im Miller’s in Zürich. 2018 wurde er in Winterthur zusammen mit Kilian Ziegler als Die Agile Liga Schweizermeister in der Teamkategorie .