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von Romana Ganzoni, Celerina/Schlarigna, 6. April 2020

Kürzlich erreichte mich eine E-Mail mit der Frage, ob ich Lust hätte, einen Text über die Macht der Worte zu schreiben. Aber natürlich! Vor allem, wenn diese Frage vom DAVOS FESTIVAL – young artists in concert stammt. Adresse: Promenade 65. Davos. Der Klang von «Worte» und «Davos» schickt mich auf eine persönliche Reise, von deren Stationen ich hier berichten werde.

Alles begann an der Scalettastrasse 22 unter dem Titel «Wörterleuchten». Ein Motto, wie «von Sinnen», mit dem das diesjährige Festival einsteigt. Unter leuchtenden Wörtern segelten am zweiten Frauenmahl im September 2018 130 Frauen. Als Referentinnen eingeladen waren vier Frauen, Publizistin, Theologin, Genderforscherin, Autorin: ich. Ich rezitierte eine Ballade über den Znacht (das Abendessen) und den Gloon (Clown), zwei Wörter mit einer besonderen Bedeutung und Strahlung in meiner Biografie. Das begann so:

 

«Über dem Wort Znacht leuchtet der Kinderzauberhimmel, er leuchtet von weit her, das Wort steigt auf und auf, es leuchtet wie ein bleicher, saftiger, fetter Mond am Himmel, der ein Käse ist, ein perfekter Laib, er wurde gestreichelt, er hat geruht, rund und runder dreht er sich, wie das Mühlrädli im Bach, der Bach heisst «Chalzina», ich sitze im Sandkasten, backe backe Kuchen, mein Bruder bekommt auch einen Löffel Sand ins Mündchen, er schluckt brav, oben das Küchenfenster, es steht einen Spalt offen (…) Meine Wetterleuchten und Sterne und Sonnen von damals – der Mond ist ja vergeben – wollen Zimt und Zucker nebst den Käseschnitten gesehen und gehört und gerochen und gekostet und geliebt haben, Zimt und Zucker, ich spüre diese Zs im Ohr, sie liegen, vermählt, auf meiner Zunge für immer und ewig, sie waren und sind in meinen Augen: kleine Kristalle, wie Eis, und braunrotes Pulver (…)»

 

Und so weiter.

An den Tischen flogen anschliessend Wörter und Sätze hin und her, Lachen, Witz, Melancholie sowie grosser gegenseitiger Zuspruch. Als ich über den Flüelapass nach Celerina – das ist mein Wohnort – zurückfuhr, flog ich ab Hospiz mit meinem blauen Mini-Cooper «steil nach oben, dann geradeaus und, zack!, runter, mitten ins Rhabarberbeet vor mein Haus. Das Auto hatte anfänglich gebockt, als die Scheiben runterschnellten und sich alle Airbags nach draussen drängten. Rumorend, unter heftigem Gerumpel wuchsen Scheibenwischer sowie Antenne, sie begannen heftig zu rotieren, ich war gehemmt, wenn auch nicht übertrieben. Erst als das Auto wie eine Pfirre nach oben spickte und über den Wolken angekommen war, begann ich zu singen. Bis nach Celerina dauerte es nur noch drei Minuten, ich sang schnell und schaffte gleichzeitig, ein paar Kurven im Takt zu fliegen, ein kleiner Überschlag war auch noch drin.»

So schrieb ich den Organisatorinnen. Sie dachten bestimmt, das sei alles erfunden. Aber natürlich war jedes Wort wahr. Dass diesem Anfang ein Zauber innewohnt, wird niemand bestreiten.

Vom Wörterleuchten-Publikum wurde ich in Davos weiterempfohlen, und so sass ich bereits im April des nächsten Jahres zum Abschied des «Kultur Platz Davos» im Kino Arkaden, Promenade 56. Ein grosser Abend der Solidarität, voller Musik, Theater, Kulinarik, Gespräch – und Literatur. Ich las Texte zu Kino und Gesang. Anwesende Kulturleute engagierten mich gleich für den Juni: Frauentalk zum Frauenstreik mit zwei Politikerinnen im alten KaffeeKlatsch, Promenade 72. Visionen, Ausblicke und viele aufklärerische Gedanken wurden da vor dem Kuchenbuffet gewälzt. Es war erhellend und belebend. Wie immer in Davos.

Die jungen Leute waren bereit, eine Frau, die das Reisen scheut und den europäischen Kontinent noch nie verlassen hat, erzählend und dichtend in ihre Heimat mitzunehmen (…).
Ich wurde entführt, weit weg.

Unterdessen waren eine Bibliothekarin der Leihbibliothek und ein Mitglied der IG offenes Davos auf mich aufmerksam geworden. Kurz und gut: Ich wurde von Davos aus eingeladen, mit jungen Geflüchteten in Schiers kreativ zu arbeiten, in einer Schule, die vom Amt für Migration betrieben wird. Da der offizielle Name nach viel Bürokratie klingt, haben Lehrer, Schüler und Schülerinnen ihre Lernanstalt umbenannt in «die coole Schule Schiers». Dort trat ich im September 2019 in die Schulstube als Schreib-Coach für vierzehn Autorinnen und Autoren. Sie waren zwischen dreizehn und sechzehn Jahre alt, in den Transitzentren in Trimmis und Davos Laret untergebracht.

Die jungen Leute waren bereit, eine Frau, die das Reisen scheut und den europäischen Kontinent noch nie verlassen hat, erzählend und dichtend in ihre Heimat mitzunehmen, ihr einen schönen Ort zu zeigen und die entsprechenden Speisen dazu. Ich wurde entführt, weit weg. Sie nahmen mich mit, nach Syrien, nach Afghanistan, nach Kurdistan, in den Sudan, nach Eritrea, in den Irak, in den Iran, nach Sri Lanka. Als Aufwärmrunde schrieben wir sogenannte Elfchen, kleine Gedichte, fünf Zeilen à elf Wörter. Die kleinen Gedichte mit den Lieblingsspeisen der Geflüchteten klangen, genau wie ihre Namen und die Orte, die sie in ihrer Heimat lieben, nacheinander aufgesagt wie ein Gedicht, das das Schöne umschwirrt, die Seen aus der Heimat und Pärke zum Spazieren und Picknicken, Plätze, mächtige Gebäude, Kunstwerke, Berge, das blaue Meer, die Tiere auf der Weide, Bäume und Blumen. Ihre Lieblingsdesserts, aber auch das saure Rindfleisch oder Reis mit Karotten und Rosinen sei so unglaublich leckaaa, schrieben sie.

Da waren viele helle Sätze auf unserem achtstündigen Ausflug. Lustiges, Nachdenkliches. In der Schweiz gebe es tollen Kezy. Das ist die neue Schreibart von Käse, haben wir dekretiert. Einfach, damit Sie als Leser und Leserin wissen, was auf Sie zukommt. Neue Wörter. Junge Menschen, die einen Lehrvertrag unterschreiben möchten. Junge Menschen, die in Gummibooten hierhergekommen sind. Ich habe die Farben der Gummiboote erfragt. Viel Blau. Zwei Mädchen konnten die Farbe nicht erkennen. Es war Nacht, Frau Romana, sagten sie.

Jetzt kamen sie, die schattigen Sätze. Es ging eine Schleuse auf. Die schattigen Sätze handelten von Flucht – in Prosa. Ich versuchte – mit den Jugendlichen zusammen – zu rhythmisieren, damit der Rahmen des Projektes nicht gesprengt und der Grundidee treu geblieben würde: Wir schreiben Gedichte. Daraus entstand ein kleines Buch, das nun bereits in dritter Auflage vorliegt: «So fern, so nah. Heimat und Hoffnungen von jungen Geflüchteten». Eine literarische Reise in drei Abschnitten. Zuerst einige Eindrücke unserer Spielereien, deshalb 1. «Spiel», 2. «Ich, Traum, Perspektive», zuletzt «So fern, so nah».

Am 8. November 2019 präsentierten meine Reiseführer und Reiseführerinnen (und der weltbeste Klassenlehrer) ihre Resultate an der Erzählnacht 2019. Grosse Stube, Rathaus, Davos, Berglistutz 1. Bis auf den letzten Platz besetzt. Das Motto der Erzählnacht: «Wir haben auch Rechte! – Nous avons aussi des droits! – Abbiamo anche dei diritti! – Nus avain era dretgs!» Das Publikum weinte und lachte und lobte und ging glücklich von dannen, genau dies sollte sich am 12. Februar 2020 wiederholen, als die vierzehn Jugendlichen anlässlich der Verleihung des Bündner Literaturpreises an mich mit ihren Werken auftraten. Sie waren Überraschung und Höhepunkt des Abends, gefeierte junge Stimmen. Der Applaus wollte nicht mehr enden. Anschliessend wurden sie ausgefragt und gebeten, ihr Buch zu signieren. Worte waren lebendig geworden.

Und es ging weiter. Ich durfte am 19. November 2019 eine Lesung von Vincenzo Todisco moderieren, der mit seinem Werk «Das Eidechsenkind» für den Schweizer Buchpreis nominiert war, in der Leihbibliothek, Promenade 88. Es war ein berührender Abend mit einem Autor, der vom Schmerz sprach, den ein Kind ohne Ort empfindet.

Heute ist der 6. April 2020. Abgabe für diesen Text zu Händen des DAVOS FESTIVAL – young artists in concert. Ich höre eine Sinfonie, die mich trotz allem an das Schöne, Gute und Wahre glauben lässt – und an das Leuchten der Wörter.

 

 

Romana Ganzoni schreibt Erzählungen, Gedichte, Essays und veröffentlicht regelmässig Kommentare und Kolumnen in verschiedenen Zeitungen und Blogs. 2020 wurde sie mit dem Bündner Literaturpreis ausgezeichnet. Letztes Jahr erschien ihr Erstlingsroman Tod in Genua. Im Herbst 2020 folgt der Jugendroman Die Torte.

Dieser Text erschien im DAVOS FESTIVAL Magazin 02/2020.

Foto: Romana Ganzoni © Privat