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Der österreichische Komponist Gerald Resch erzählt in seinen Werken ungewöhnliche, aber packende Geschichten. Genauigkeit, Anschaulichkeit und Vielschichtigkeit sind ihm dabei besonders wichtig. Am diesjährigen DAVOS FESTIVAL werden drei seiner kammermusikalischen Werke aufgeführt.
Die Aargauer Komponistin Stephanie Haensler hat mit Gerald Resch über sein Berufsverständnis, das «Anfängersein» und Phantasiewelten gesprochen.

 

Stephanie Haensler: In diversen bürokratischen Formularen wird nach einer Berufsbezeichnung gefragt. Mich würde interessieren: Was steht bei dir?

Gerald Resch: Bei mir steht Universitätslehrer: Da fragt niemand nach, was das eigentlich ist, und man wird auch nicht gefragt: «Komponist? Toll! Welches Instrument?» oder «Wow! Für Film oder für Werbung?».

Wann hast du erstmals den Wunsch verspürt, dich komponierend auszudrücken? Warst du seither ohne Unterbrechungen in diesem Bereich tätig?

Ich hatte das Glück, dass mich meine Lehrer in der Musikschule sehr unterstützt haben. Als Kind habe ich Gitarre und Klavier gelernt und wurde früh ermuntert, auch zu improvisieren und diese Improvisationen aufzuschreiben.
Seit ich fünfzehn bin, komponiere ich ohne Unterbrechungen (aber natürlich nicht ohne Krisen). Umso merkwürdiger finde ich, dass man bei jedem neuen Stück wieder herangeht wie der erste Mensch: Eigentlich bleibt man immer Anfänger und hat keine Ahnung, was beim Erfinden eines Musikstücks in Wirklichkeit so vor sich geht.

Was treibt dich um vor und nach der Arbeit an einer Komposition: Bleibt ein vollendetes Werk ein Teil von dir, oder lässt du es ganz los?

Vor der Arbeit an einem neuen Stück höre ich sehr viel fremde Musik und mache mir tausend Notizen dazu, um dann das meiste wieder zu vergessen. Manches bleibt aber wahrscheinlich doch hängen und hilft dann später, bei der «richtigen» Komponierarbeit, dabei, Entscheidungen zu treffen.
Nachdem ein Stück fertig ist, denke ich im Idealfall rasch an das folgende. Blöd ist, wenn ich mitten in der Schlussphase bemerke, dass ich eigentlich bereits lieber an die nächste Komposition denke, weil da ja gewissermassen noch nix fix und alles möglich ist. Umgekehrt ist es aber auch ein gutes Zeichen, nämlich dass ich eigentlich eh schon weiss, wie das Stück, an dem ich gerade schreibe, ausgehen wird, und ich es gewissermassen nur noch fertig ausarbeiten muss. Manche Stücke revidiere ich auch. Vor allem dann, wenn ich den Eindruck habe, dass das, was ich zum Ausdruck bringen wollte, noch nicht ideal verwirklicht wurde. Prinzipiell aber bin ich ein «Loslasser» und freue mich sehr, wenn die Stücke, die ich geschrieben habe, von den Musikerinnen und Musikern zu ihren eigenen Stücken gemacht werden.

Wenn ich in deinem Werkkatalog stöbere, fallen mir besonders zwei Themengebiete ins Auge: Da begegnet man Figuren wie Titania, Gulliver oder auch einem Nachtwindsucher, oder man findet sich in Bildern der Natur wieder, etwa in einer Landschaft mit Wellen oder in einem Garten, auf Pfaden, die sich verzweigen. Sind Literatur und Natur «Inspirationsräume», aus denen du musikalisch schöpfst?

Ja, das stimmt. Da ich viel im Musiktheaterbereich arbeite, habe ich eine Affinität zu guten Geschichten, vielschichtigen Persönlichkeiten und dynamischen Figurenkonstellationen, die in verdichteter Sprache erzählt werden. Überhaupt ist mir Sprache als Auslöser für musikalische Erfindung sehr nahe.
Und was die Natur betrifft, fasziniert es mich besonders, von Naturbeobachtungen ausgehend zu abstrahieren und Strukturen abzuleiten, die ich musikalisch interessant finde.

Prinzipiell aber bin ich ein «Loslasser» und freue mich sehr, wenn die Stücke, die ich geschrieben habe, von den Musikerinnen und Musikern zu ihren eigenen Stücken gemacht werden.

Natur und märchenhafte Fantasiewelten – da liegt die Brücke zur Romantik nahe: Siehst du dich in irgendeiner Weise mit dieser Zeit oder Musik verbunden? Welche musikalische Epoche wäre dir am nächsten? Oder trennst du deine Musik bewusst von einem musikhistorischen Kanon?

Wahrscheinlich hast du recht, dass das 19. Jahrhundert die Epoche ist, die am meisten Berührungspunkte zu meinem eigenen kompositorischen Schaffen aufweist. Auch in meinem Unterricht spielt das 19. Jahrhundert mit seinen grossen Entwürfen, Utopien, Brüchen und Widersprüchlichkeiten eine wichtige Rolle. Ideengeschichtlich glaube ich, dass unsere Gegenwart immer noch erstaunlich stark von vielen Gedanken geprägt ist, die im Kielwasser der Französischen Revolution entstanden sind.
Grundsätzlich glaube ich aber, dass meine Musik doch eher unabhängig von einem musikhistorischen Kanon steht. Mag sein, dass es einen gewissen, vielleicht österreichischen Tonfall gibt (auf der einen Seite ist mir melodische Linearität, auf der anderen motivische Konsistenz ziemlich wichtig) – obwohl meine wichtigsten Lehrer zwei Schweizer waren! Vor allem aber finde ich, dass unsere Generation sich selbstverständlicher eklektizistisch verhält und Anregungen aus unterschiedlichsten Quellen bezieht – auch weil sie in Youtube-Zeiten kaum noch säuberlich voneinander getrennt werden können.

Du bist auch als Dozent und Juror tätig: Haben diese Funktionen Einfluss auf deine Werke? Gibt es sogar spezifisch Stücke mit einem pädagogischen Touch?

Das Unterrichten macht mir grossen Spass, weil ich die Herausforderung liebe, die sehr unterschiedlichen Musiken der letzten tausend Jahre einigermassen auf dem Schirm haben zu müssen. Ich glaube schon, dass das auch meinen eigenen kompositorischen Zugang prägt – zum Beispiel glaube ich weniger an den künstlerischen Fortschritt, sondern eher an das mehr oder weniger überzeugende Formulieren individueller musikalischer Lösungen.
Weil ich eine Sympathie für Unprätentiöses habe, schreibe ich manchmal Stücke, bei denen ich versuche, von etwas ganz Einfachem auszugehen. Das kann einen pädagogischen Touch haben (wie z. B. in den FingerSpitzenTänzen für Klavier). Gerade habe ich einen Orgelzyklus fertiggestellt, Ricercari. Der besteht aus sieben Stücken, die jeweils von derselben Tonfolge ausgehen, sie aber radikal unterschiedlich abtasten, also immer andere Schlüsse aus einer gleichbleibenden Vorlage ziehen.
So etwas interessiert mich sehr: das Gleiche, aber immer anders. Um auf deine erste Frage mit der Berufsbezeichnung zurückzukommen: Vielleicht wäre «das Gleiche, aber immer anders» eine gute Beschreibung dessen, was Komponisten und Komponistinnen so tun?

 

 

Das Interview führte die Aargauer Geigerin und Komponistin Stephanie Haensler, deren Auftragskomposition Ein Schnitt am DAVOS FESTIVAL 2019 ihre Uraufführung erlebte. Ihr grosses Interesse gilt dem Dialog und den Berührungspunkten zwischen historischer und aktueller Musik, denen sie sich als Komponistin und Interpretin in verschiedenen Projekten anzunähern versucht.

Dieser Text erschien im DAVOS FESTIVAL Magazin 02/2020.

Foto: Gerald Resch © Andrej Grilc