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von David Reissfelder

Brüssel, um 1840. Ein junger Instrumentenbauer verfolgt einen Traum: Ihm schwebt eine völlig neue Klangfarbe vor, die Elemente von Blechbläsern, Holzbläsern und Streichinstrumenten verbinden soll. Das Ergebnis, das er 1846 patentieren lässt, verbindet das kegelförmige Rohr der Oboe mit dem Mundstück der Klarinette. Wegen des Rohrblatts, dessen Schwingung den Ton erzeugt, gehört das neue Instrument der Holzbläserfamilie an, auch wenn es aus Metall, in der Regel Messing, gefertigt wird. Pragmatisch tauft der Erfinder das Instrument nach seinem eigenen Namen: Saxophon. Adolphe Sax hatte die Vorstellung, es sowohl in klassischen Orchestern als auch in Militärkapellen zum Einsatz kommen zu lassen. Und er hatte einflussreiche Unterstützer: Kein Geringerer als der Komponist Hector Berlioz rühmte die «abwechslungsreiche Schönheit seiner verschiedenen Ausdrucksmöglichkeiten. Einmal tief und ruhig, dann leidenschaftlich, träumerisch und melancholisch, zuweilen zart wie der Hauch eines Echos, wie das unbestimmte, klagende Heulen des Windes in den Zweigen».

Unverzichtbar im Jazz und beliebt in anderen Genres wie der experimentellen oder der Popmusik, führte das Saxophon in der Welt der klassischen Musik trotz dieser Wertschätzung lange Zeit ein Schattendasein. Nur in wenigen der romantischen Orchesterpartituren wurde es mit einer Rolle bedacht, und kaum einer der grossen Namen, die die Konzertprogramme bis heute dominieren, schrieb für das Saxophon als Soloinstrument. Dessen Flexibilität erlaubt es allerdings, sich zahlreiche wohlbekannte Stücke durch eine Übertragung zu erschliessen. Ab der Mitte des 20. Jahrhunderts begann auch eine immer grössere Zahl von Komponisten, sich intensiv mit den vielfältigen Möglichkeiten auseinanderzusetzen. In den Worten von Valentine Michaud, Sopransaxophonistin im SIBJA Saxophone Quartet, ist ihr Instrument folglich «zwangsweise zeitgenössisch und innovativ». Für Joan Jordi Oliver, der im Ensemble den Baritonpart übernimmt, ist es entscheidend, mit der komplexen Realität des Instruments im gegenwärtigen Konzertleben bewusst umzugehen. Das DAVOS FESTIVAL 2020 bietet die Gelegenheit, das SIBJA Saxophone Quartet in verschiedenen Kontexten zu erleben – mit Transkriptionen, Neuer und zeitgenössischer Musik, in populären Formen wie dem Tango und in experimentellen Konzertsituationen – und so den Facettenreichtum des oft unterschätzten Instruments kennenzulernen.

Auch das Saxophonquartett kann auf eine längere Geschichte zurückblicken; für Sopran-, Alt-, Tenor- und Baritonsaxophon gibt es mittlerweile ein gewachsenes Repertoire an Originalliteratur. Zusätzlich bietet sich dem Publikum die Möglichkeit, bekannte Stücke aus einer anderen Perspektive neu zu entdecken: Der erste Satz von Franz Schuberts Streichquartett Der Tod und das Mädchen, einem Klassiker der Kammermusik, ist so etwa am 3. August in der Interpretation des SIBJA Saxophone Quartets zu hören. Ein Klassiker der Neuen Musik ist die Musica ricercata von György Ligeti aus den frühen 1950er-Jahren. Ursprünglich für Klavier komponiert, übertrug Ligeti daraus sechs Bagatellen für Holzbläserquintett – am 9. August sind sie von vier Saxophonen zu hören. Dem Klangkörper auf den Leib geschrieben, und so dessen Flexibilität beweisend, sind Kompositionen des Schweizer Saxophonisten und Komponisten Daniel Schnyder (*1961), von Georg Friedrich Haas (*1953), Bernd Franke (*1949), der das Saxophonquartett in On the Dignity of Man einem Chor gegenüberstellt, und von Thierry Escaich (*1965) mit dem Tango Virtuoso.

Eine besondere Rolle im Schlusskonzert der Festivalwanderung am 7. August soll der Konzertort spielen: die Kirche Davos Wiesen. Dort erklingt eine von den Ensemblemitgliedern Jean-Valdo Galland und Joan Jordi Oliver speziell für diesen Anlass komponierte Meditation. Diese wird die Möglichkeiten der Kirche als Musikinstrument erforschen, indem das Publikum eingeladen wird, sich während der Aufführung im Raum zu bewegen. Die Interpreten hinterfragen ihre eigene Rolle, da sie nicht mehr im Zentrum stehen, sondern zu Mittlern und selbst zu Zuhörern werden. Die klassische Konzertsituation wird zugunsten eines immersiven Erlebnisses aufgebrochen.

 

 

David Reissfelder studierte Musikwissenschaft und Geschichte in Heidelberg und London und ist seit 2018 Doktorand am Musikwissenschaftlichen Institut der Universität Zürich mit einem Forschungsprojekt zur Kammermusik in England und Frankreich um 1900.

Dieser Text erschien im DAVOS FESTIVAL Magazin 02/2020.

Foto: SIBJA Saxophone Quartet (v.l.: Valentine Michaud, Joan Jordi Oliver, Jean-Valdo Galland, Faustyna Szudra) © Valentine Michaud