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von Cécile Olshausen

Die Musik ist eine merkwürdige Kunst, denn sie ist – etwas leichtsinnig gesagt – im eigentlichen Sinne unsinnig: Sie kann nicht argumentieren, es fehlt ihr der Inhalt, die gedankliche Auseinandersetzung, das starke Bild, der Plot. Es fehlt ihr der Sinn, und doch kann sie berühren, trösten, mitreissen, einschläfern oder aufwecken. Ist ihr Unsinn etwa ihr Sinn? Und brauchen wir in einer ganz auf Sinn eingestellten Welt gerade den Unsinn einer schönen Melodie, eines heiteren Rhythmus, eines magischen Klanges? Robert Walser hat es in ein ebenso scharf- wie feinsinniges Paradox gefasst: «Mir fehlt etwas, wenn ich keine Musik höre, und wenn ich Musik höre, fehlt mir erst recht etwas.»

Was der Musik fehlt – ihr Sinn –, hat sie sich immer wieder zu beschaffen gewusst: mit Texten in der Vokalmusik, mit «sinnvollen» Formen wie Fugen, Variationen, Suiten und Sonaten in der Instrumentalmusik oder mit unterschiedlichen Aufführungszeremonien wie etwa beim klassischen Kammermusikabend oder in der Oper. Und nicht zuletzt gibt es den Kanon der Genies, die da Bach, Mozart, Beethoven oder Bruckner heissen und in deren marmorne Büsten der ernste Sinn der Musik buchstäblich in Stein gemeisselt ist. Mit all diesen Sinnstützen wird vom eigentlichen Unsinn und übermütigen Leichtsinn der Musik abgelenkt. Sie bieten Orientierung, feste Werte und können durchaus auch in Konvention erstarren. Man geht dann nicht mehr ins Sinfoniekonzert, weil man gerne Musik hört, sondern weil es sich so gehört. Gerade solche zu Konventionen verfestigte Sinnhilfen lassen kreative Geister zu Unsinnstiftern werden.

Und nicht zuletzt gibt es den Kanon der Genies, die da Bach, Mozart, Beethoven oder Bruckner heissen und in deren marmorne Büsten der ernste Sinn der Musik buchstäblich in Stein gemeisselt ist.

John Cage war ein Meister dieses Faches und verstand den Unsinn als eigentlichen Lebenssinn. Er liebte es, dem Summen seines Kühlschranks zuzuhören wie einer Sinfonie, und eine Komposition aus Nichts machte ihn weltberühmt. Sein Stück 4’33″ nämlich besteht aus drei Sätzen tacet – also Stille. Das Publikum hört dabei nur sich selber zu oder den Klängen, die zufällig von aussen her in den Konzertsaal dringen. In seiner Living Room Music bringt Cage den Unsinn ins heimische Wohnzimmer. Das Quartett muss dabei nicht mit seinen Instrumenten, sondern mit den Gegenständen, die im «Living Room» gewöhnlich herumstehen und -liegen, die Partitur umsetzen. Eine hintersinnige Neuinterpretation von Kammermusik.

Der Un- und Leichtsinn kann von der Musik auf andere Gattungen überschlagen. So war der Film, bevor er den Ton bekam, eine hochmusikalische Kunst fern jedes Realitätssinns. Denn die Leute auf der Leinwand waren entweder stumm oder gaben nur vor, miteinander zu reden, was noch unsinniger aussieht, als wenn sie den Mund halten würden. Diese Realitätsferne wussten Eigensinnige wie Buster Keaton zu nutzen, um tonlose Tongemälde zu komponieren. Wie zum Beispiel bei The Navigator. Da sind zwei Liebende, quasi Tristan und Isolde, die gegen den Uhrzeigersinn laufen. Und eine Handlung, in der Irrsinn und Überlebenssinn durcheinandergewirbelt werden und die Stimmungen wie in der Musik ohne Sinn in ihr Gegenteil umschlagen können.

Der Tonfilm drängte mit seinem Wort- und Realitätssinn Buster Keaton in den Hintergrund. Seine Filme aber hinterliessen ihre Spuren und beeinflussten andere. Zum Beispiel Raymond Bernard, der 1940 einen an Keatons Three Ages erinnernden Film mit dem Titel Cavalcade d’amour drehte, in dem – wie in Three Ages – das Liebeswerben und Heiraten in drei verschiedenen Epochen erzählt wird. Darius Milhaud gehörte zu den Filmmusik-Komponisten. Nach seiner Emigration nach Amerika bearbeitete Milhaud die Filmmusik zum erfolgreichen Bläserquintett La cheminée du roi René, in dem die absurd unsinnigen Wirren des Filmes durchaus noch hörbar sind.

Wenn Literatur den Unsinn pflegt, wird sie zu Wortmusik. Davon hat sich Franz Tischhauser 1950 zu seinem Chorwerk Das Nasobem inspirieren lassen. Eigentlich komponiert Tischhauser eine eher traditionelle Musik. Aber mit der Wahl des Textes, nämlich Christian Morgensterns Galgenlieder, zündet er ein witziges und mitreissendes Feuerwerk. Die berühmten Nonsens-Gedichte belächeln mit lichtem Leichtsinn der Sprache Tiefsinn und enthüllen der unsinnigen Wörter Klangsinn.

 

 

Cécile Olshausen studierte Cello in Bern und Biel. Seit 1998 ist sie Musikredaktorin bei SRF 2 Kultur, mit dem Schwerpunkt Neue Musik. Sie macht unter anderem die Sendung «Musik unserer Zeit». Während mehrerer Jahre arbeitete sie im Redaktionsteam der Schweizer Zeitschrift für Forschung und Kreation «dissonance».

Dieser Text erschien im DAVOS FESTIVAL Magazin 02/2020.

Foto © Yannick Andrea