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Die Genferin Caroline Boissier-Butini (1786 –1836) hat am Anfang des 19. Jahrhunderts wohl als Erste in der Schweiz sechs Klavierkonzerte komponiert. Die Fribourgerin Caroline Charrière (1960 – 2018) hat es 2003 geschafft, mit ihrem Oratorium Le livre de Job (Das Buch Hiob) das Berner Münster zu füllen. Und trotzdem sind ihre Namen in der Schweiz nicht geläufig. Das geht ihren meisten männlichen Kollegen ähnlich. Warum eigentlich?
von Irène Minder-Jeanneret

Die Schweiz ist das Land mit der höchsten Festivaldichte der Welt. Die Musik von Schweizer Komponistinnen und Komponisten ist im Musikleben jedoch weitgehend unbekannt. Dies hatte lange Zeit historische Gründe. In unseren Nachbarländern wetteiferten während Jahrhunderten sowohl weltliche als auch kirchliche Fürsten mit ihren mehr oder weniger grossen Orchestern; entsprechend gross war die Nachfrage nach immer neuen Kompositionen. Ab dem späten 18. Jahrhundert übernahm das Bürgertum einen Grossteil des ehemals höfischen Musiklebens. Ab 1820 wurden Konservatorien mit Berufsklassen gegründet, wobei Frauen nur zu wenigen Fächern und Instrumenten zugelassen waren. Kompositionsunterricht war Männern vorbehalten – Frauen wurden vorerst Sängerinnen oder Pianistinnen. In der Schweiz brauchte die Entwicklung des heutigen Musiklebens fast ein Jahrhundert länger, denn die Institutionen und Strukturen mussten mangels einer höfischen Tradition von der bürgerlichen Gesellschaft von Grund auf neu erschaffen werden.

Die musikalischen Laufbahnen der eingangs erwähnten Komponistinnen entsprechen somit keinem vorgezeichneten Schema. Caroline Boissier-Butini wuchs Ende des 18. Jahrhunderts in Genf in einer politisch bedingten kulturellen Einöde auf. Es gab keine Vorbilder, welche die Entfaltung eines musikalischen Talents förderten, und die musikalischen Zusammenkünfte beschränkten sich wesentlich auf die privaten Räume des Genfer Grossbürgertums. Ihr Können als Pianistin und Komponistin stellte sie im eigenen Wohnzimmer wie auch in befreundeten Häusern unter Beweis, allein, mit durchreisenden Künstlern oder mit befreundeten Musikerinnen und Musikern. Bereits 1802 beschrieb die dänische Schriftstellerin Friederike Brun-Münter die junge Caroline als «eine der stärksten Klavierspielerinnen».

1818 schloss die Genferin in Paris und in London Verträge zur Veröffentlichung mehrerer ihrer Werke ab, von denen heute allerdings jede Spur fehlt. Sie musizierte dort auch wiederholt in privaten Salons, ohne den Vergleich mit den besten Pianisten ihrer Zeit scheuen zu müssen. In den Konzerten der 1823 gegründeten Société de musique de Genève trat sie vier Mal auf – ihrem gesellschaftlichen Rang entsprechend vor einem handverlesenen Publikum und nie gegen Gage –, bevor sie sich krankheitsbedingt aus der Öffentlichkeit zurückzog. Die meisten ihrer überlieferten Werke dürften zwischen 1810 und 1820 entstanden sein. Sie erfreuen das Publikum durch Geist, Witz und unerwartete harmonische Wendungen.
 

Caroline Charrière (2011). Foto: Isabelle Daccord
Caroline Charrière (2011). Foto: Isabelle Daccord

 

Caroline Charrière stammte aus einer musikalischen Familie. Ihr Vater und ihre drei älteren Geschwister spielten alle, wie sie dann auch, in der hervorragenden Fribourger Harmoniemusik La Concordia; das Fribourger Musikleben war in Charrières Jugend noch wesentlich von Amateurvereinen bestimmt. Nach der Matura bildete sie sich an den Konservatorien von Lausanne und von Manchester zur Flötistin und zur Chor- und Orchesterdirigentin, zudem bei Jean Balissat zur Komponistin aus. Was heute selbstverständlich klingt, war es in den frühen 1980er-Jahren überhaupt nicht: Es gab keine Frauen am Dirigierpult und kaum aufgeführte Komponistinnen. Somit teilte Caroline Charrière mit ihrer älteren Genfer Namensschwester das gezielte Eindringen in Sphären ohne weibliches Vorbild. Hingegen konnte sie die Musik zu ihrem Beruf machen, zuerst als Flötenlehrerin am Konservatorium Fribourg und ab 1991 als Leiterin des von ihr gegründeten Frauenvokalensembles Choeur de Jade.

Gleichzeitig wuchs ihr Drang zum Komponieren. Das Orchesterwerk Trauerfarben, 1993 vom Orchestre de chambre de Lausanne uraufgeführt, stärkte ihr Selbstbewusstsein als Komponistin. Renommierte Institutionen und Interpretinnen bestellten Werke bei ihr. Ab ihrem 40. Lebensjahr widmete sie sich hauptberuflich dem Komponieren und gehört somit zur ersten Generation Frauen in der Schweiz, für welche das Komponieren den Lebensmittelpunkt bildet. Das Werk von Caroline Charrière deckt sämtliche Gattungen ab, vom Oratorium und Lied über Werke für Sinfonieorchester, Kammerensembles bis zum Musiktheater und Chorwerken. Auch beim Publikum kommt ihre Musik gut an. Nicht von ungefähr, denn Caroline Charrière stellt das Mit-Teilen ins Zentrum. Starken emotionalen Ausbrüchen setzt sie immer wieder versöhnliche Klänge entgegen.

Heute setzen sich Fördervereine für die Verbreitung der Musik der beiden Komponistinnen (carolineboissierbutini.ch, carolinecharriere.ch) ein. Interpretinnen und Interpreten sowie das Publikum entdecken ihre Werke. Die Schweizer Musikgeschichte hält noch viele solche Schätze bereit!

 

Dr. Irène Minder-Jeanneret ist Musikwissenschaftlerin und Übersetzerin. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Musik aus der Schweiz sowie Musik und Gender. Sie war Präsidentin des vormaligen FrauenMusikForum Schweiz und Initiantin des Musiklexikons der Schweiz.

Dieser Text erschien im DAVOS FESTIVAL Magazin 1/21.

Titelbild: Caroline Boissier-Butini, gemalt von Firmin Massot, Foto: Monique Bernaz