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Das BlattwerkQuintett spielt zu Neujahr beim Klassik Festival in Davos

 

Ein Quintett aus fünf Rohrblattinstrumenten – Ensembles mit dieser Besetzung müssen entdeckungsfreudig sein und sich ihr Repertoire selbst zurechtschreiben. Dafür können sie aus allen Epochen genau das auswählen, worauf sie Lust haben, und auf bekannte Stücke ein neues Licht werfen.
von David Reissfelder

Das Feld der Kammermusikensembles scheint seit mehr als zwei Jahrhunderten klar abgesteckt zu sein: Da gibt es das altehrwürdige Streichquartett, da gibt es Streicher, die sich mit einem Klavier zusammentun, seltener auch mit Blasinstrumenten, und da gibt es reine Bläserensembles, im klassischen Fall das Bläserquintett aus Flöte, Oboe, Klarinette, Horn und Fagott. Seit einigen Jahren schickt sich jedoch eine neue Formation an, diese Phalanx zu durchbrechen und alte Hörgewohnheiten umzukrempeln: Das Reed Quintet – nach dem englischen Begriff für «Rohrblatt» – versammelt fünf Instrumente, deren Ton jeweils durch ein schwingendes (Doppel-)Rohr erzeugt wird: Oboe, Klarinette, Saxophon, Fagott und Bassklarinette (beziehungsweise deren Varianten). Die niederländische Gruppe Calefax fungierte als Vorreiter und etablierte ein weltweites Netzwerk für Kompositionen, Kompositionsaufträge und Kompositionswettbewerbe sowie Arrangements und Meisterkurse. Auch das 2016 gegründete Schweizer Ensemble BlattWerk widmet sich dieser neuentdeckten aufstrebenden Besetzung und ist beim Konzert im Mai des DAVOS FESTIVAL 2021 zu Gast.

Welche Folgen hat es für eine Formation, wenn sie nicht wie das Streichquartett zweihundertfünfzig Jahre lang gepflegt wurde, sondern erst gute dreissig? Nils Kohler, der Klarinettist von BlattWerk, hebt die nötige Kreativität hervor: «Es gibt keine jahrhundertealte Tradition, auf die wir uns beziehen oder zurückgreifen können. Dieser Umstand erzeugt eine ganz eigene Dynamik und ein besonderes Bewusstsein: Wir können die Geschichte und das Repertoire dieser Formation aktiv mitgestalten. Das heisst für uns, dass wir uns auf die Musik stürzen, auf die wir Lust haben.» So steht den Experimentierfreudigen durch eigene und fremde Bearbeitungen Musik aus praktisch allen Epochen zur Verfügung, und sie haben die Gelegenheit, auch weniger bekannte Stücke in neuem Gewand zu Gehör zu bringen. Beim Konzert im Mai reicht die Spanne von einer Cembalosuite von Jean-Philippe Rameau über Klaviersuiten von Claude Debussy und Béla Bartók bis hin zu Schweizer Musik des 21. Jahrhunderts. Der 1965 geborene Komponist Walter Feldmann richtete seine ursprünglich für tiefes Bläserquintett geschriebenen Figurations de mémoire speziell für das BlattWerk Quintett ein. Das Werk basiert auf Texten der französischen Autorin Anne-Marie Albiach, und sein enges Geflecht von Instrumentalkombinationen macht den Text Wort für Wort hörbar. Zwei weitere Komponisten, Arturo Corrales und Robert Torche, haben dem BlattWerk Quintett gar schon neue Stücke auf den Leib komponiert.

Der Klang eines Reed Quintet ist homogener als beim klassischen Bläserquintett, da der Ton bei allen Instrumenten auf dieselbe Weise erzeugt wird. Gleichzeitig behält jede Stimme ihre eigene, unverwechselbare Prägung bei. Für Bearbeitungen bietet sich das Klavierrepertoire an, wobei dem einheitlichen Klang des Tasteninstruments neue Facetten hinzugefügt, einzelne Stimmen und Akkorde individuell gestaltet werden können. Klarinettist Kohler findet: «So offenbaren sich ganz neue Hörerlebnisse bei altbekannten Werken.» Gerade bei einem Klassiker wie Debussys Suite bergamasque (nach einem Tanz aus Bergamo) tritt das Ensemble in einen Dialog mit einer langen und lebendigen Aufführungstradition. Die Sammlung von 1890 gehört zu den frühen Kompositionen des Franzosen, der um die Wende zum 20. Jahrhundert die Tür zur modernen Musik weit aufstiess. Besonders bekannt und beliebt, auch als Filmmusik, wurde der langsame Satz Clair de lune (ursprünglich Promenade sentimentale). Nur kurze Zeit später, während des Ersten Weltkriegs komponiert, schlägt die Suite von Bartók einen völlig anderen Tonfall an. Vom Volksliedgut (hier insbesondere dessen Rhythmik) seiner ungarischen Heimat inspiriert, strebte er nach einem simpleren, transparenteren Stil, um den vollgriffigen, schweren Klaviersatz der späten Romantik zu überwinden. Die französische Klavier- bzw. Cembalotradition des Barocks gilt hingegen als prototypische Verkörperung von Leichtigkeit und Eleganz, kurz, französischem Esprit. Eine Suite ihres ersten Vertreters Rameau wird beim Konzert im Mai von Sopransaxophon, Englischhorn, Klarinette, Bassklarinette und Fagott neu interpretiert. Die Bearbeitung des Saxophonisten Raaf Hekkema vom Ensemble Calefax ist mittlerweile selbst zu einem Klassiker des stetig wachsenden Repertoires für Reed Quintet geworden.

 

 

David Reissfelder studierte Musikwissenschaft und Geschichte in Heidelberg und London und ist seit 2018 Doktorand am Musikwissenschaftlichen Institut der Universität Zürich mit einem Forschungsprojekt zur Kammermusik in England und Frankreich um 1900.

Dieser Text erschien im DAVOS FESTIVAL Magazin 1/21.

Foto: BlattWerk Quintett (v.l.: Martin Bliggenstorfer, Jonas Tschanz, Elise Jacoberger, Richard Haynes, Nils Kohler) © Danielle Liniger