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50 Jahre Frauenstimmrecht Luftballon. Thema Aequalis beim Klassikfestival 2021.

Auf alle Fälle stimmte das männliche Volk in der Mehrheit Ja für die Frauen – und das war ein first für die Thematik.

von Gina Walter

In Europa beträgt die Netzfrequenz 50 Hertz.
Das chemische Element Zinn hat die Ordnungszahl 50.
An der Olympiade messen sich die Menschen im 50-km-Gehen, und am 50. Tag der Osterzeit kann Pfingsten gefeiert werden, wenn man das möchte.
Die USA zählen 50 Bundesstaaten. (Und bis vor kurzem einen sehr dummen Präsidenten.)
Innerorts fahren wir 50 km/h, allerdings eher weniger auf einem Puch MS 50 Töffli.

Im Rap kennt man Fifty Cent und in der Erotik-Literatur Fifty Shades of Grey, wenn man das denn Literatur nennen kann.
Wenn wir sonst fifty-fifty sagen, dann meinen wir «so halb und halb», und wenn man bei 50 % zuschlägt, dann hat man recht was gespart

Im Jahr 50 nach Christus starb die Heilpflanze Silphium aus, und wenn man es heutzutage 50 Jahre miteinander aushält, dann feiert man Goldene Hochzeit.

In 50 Jahren kann wirklich viel passieren.

Das ist ein halbes Jahrhundert, fünf Jahrzehnte, achtzehn-tausendzwei-hundert und ein paar zerquetschte Tage.

Wenn wir die 50 Jahre zwischen 1900 und 1950 anschauen, dann sieht man, was alles in 50 Jahren über die Bühne gehen kann. Zwei Weltkriege erschütterten die Erde, die Titanic lief auf Eis, die Spanische Grippe kostete Millionen Menschenleben, der erste Flug über den Atlantik gelang, in Uruguay wurde das erste Mal um den Weltmeistertitel getschuttet und die Vereinigten Staaten hatten mit dem «noble experiment» der Prohibition zu kämpfen.

In 50 Jahren kann wirklich viel passieren.

Aber … in 50 Jahren passiert leider auch nicht alles.

Seit 1970 sind viele Dinge nicht passiert. Wir haben weder selbstfahrende Autos noch coole Hoverboards à la Back to the Future als Fortbewegungsmittel etabliert. Unsere Wäsche fliegt noch nicht automatisch auf den Ständer, und unsere Fenster putzen sich nicht von allein. Rasenmäh- und Staubsaugroboter stecken noch in den Kinderschuhen und Avocados werden noch immer zu schnell schlecht.

Und diese Sci-Fi-Erfindungen sind nicht das Einzige, was nicht passiert ist: Frauen verdienen immer noch weniger als Männer. Nichtheterosexuelle Paare können nur an einigen Flecken der Welt heiraten. Es gibt noch immer Kinder, die statt zur Schule in die Mine gehen müssen. Plastikmüll löst sich noch nicht von selbst in Meerwasser auf, und dumme Menschen leugnen immer noch die Erderwärmung.

Also ja. In 50 Jahren passiert leider auch nicht alles.

Doch man muss hier gleichwohl anfügen: Es ist nicht so, als ob die Erde stillstünde, nur weil diese Sachen noch nicht passiert sind. Ganz im Gegenteil – die Dinge sind in Bewegung, werden reformiert und revolutioniert. Black Lives Matter schüttelt die Menschen durch, die Klimajugend demonstriert regelmässig, und der Feminismus glüht mit heisser Faust.

Besonders Letzterer ist 2021 bedeutsam, denn vor 50 Jahren wurde das Frauenstimmrecht in der Schweiz eingeführt. Im März 1971. Aber bis dahin war es ein langer Prozess, die Schweiz war keineswegs avantgardistisch unterwegs – die Neuschöpfung aprèsgardistisch würde besser passen. Hinten auf der Hut, langsam nachziehend, das fast-Schlussliechtli.

Aber hey, immerhin waren wir eines der ersten Länder, die das Stimmrecht für Frauen per Abstimmung einführten. Das heisst: In der Schweiz stimmten Männer darüber ab, ob sie weiterhin alleine abstimmen wollten, oder ob das doch nicht mehr so stimmig war, und Frauen vielleicht auch langsam ihre Stimme abgeben dürfen sollten. Was für ein Durcheinander. Auf alle Fälle stimmte das männliche Volk in der Mehrheit Ja für die Frauen – und das war ein first für die Thematik.

Davor war die Politik in der Schweiz reine Männersache – klar, wenn das Ganze doch ein so schmutziges Geschäft war. Vor dem Schmutz wollten die Männer ihre Frauen schützen. Und die Männer waren überzeugt davon, dass Frauen von Natur aus nicht das Wesen besassen, das politisch vonnöten gewesen wäre, um abzustimmen. So weich und hysterisch. Ausserdem: Wenn sie denn eine politische Meinung gehabt hätten, hätten sie diese doch durch ihren Ehemann ausdrücken können.

Das waren Argumente der Frauenstimmrechts-Gegner. Darüber kann man heute nur noch müde lächeln.

Worüber man nicht müde lächeln kann, ist über den Kanton Appenzell Innerrhoden. Der letzte Kanton, der das Frauenstimmrecht einführte. 20 Jahre später, also 1990. Und das erst auf den Entscheid des Bundesgerichts hin – die haben das nicht mal selbst per Landsgemeinde entschieden. Bis zur letzten Sekunde haben sie sich gewehrt. Aber gut. Wenn ein Kanton bereits die männlichen Geschlechtsteile im Namen trägt, kann man eigentlich nicht viel mehr erwarten. Ein Wunder, dass die äusseren Hoden das Stimmrecht für Frauen schon früher angenommen hatten.

Ich wünsche mir, dass Damenrasierer nicht grundlos doppelt so teuer sind wie das Herrenmodell.

Seit dem Entscheid für die Frauen ist viel passiert. Abstimmen darf man jetzt, verschiedene Berufe ausüben, keine Kinder haben wollen, lesbisch oder bisexuell sein. Mir geht es als Frau in der Schweiz gut. Ich fühle mich hier nicht in meiner Existenz bedroht. Dennoch gibt es Dinge, über die noch gesprochen werden muss und die geändert werden müssen. Und die Gespräche über diese Änderungen mögen momentan absurd und fehl am Platz erscheinen. So wie das Frauenstimmrecht damals, wo heute glasklar ist, dass es eingeführt werden musste. Genau solche Dinge müssen in den nächsten 50 Jahren besprochen werden, und dann müssen sie passieren.

Ich wünsche mir für die nächsten 50 Jahre zum Beispiel, dass man mich bei finanziellen Fragen nicht mehr belächelt. Ich wünsche mir, dass ich nachts allein nach Hause gehen kann, ohne den Schlüsselbund zwischen den Fingern einklemmen zu müssen, damit ich mich im Falle eines Falles verteidigen könnte. Ich wünsche mir, dass Damenrasierer nicht grundlos doppelt so teuer sind wie das Herrenmodell. Ich wünsche mir, dass man mir nicht vorschreibt, wie ich mich anzuziehen habe. Und das sind nur meine Wünsche. Es gibt bestimmt unendlich viele andere Dinge, die meinen persönlichen Horizont komplett übersteigen. An die ich nicht mal denke. Deswegen das:

Ich wünsche mir, dass Menschen in der Schweiz in 50 Jahren alle so sein dürfen, wie sie sind und wie sie sein wollen. Ganz egal, ob gross, klein, schwarz, weiss, dünn, dick, schwul, trans, genderqueer, schlampig, prüde, mono- oder polygam, alt, jung, zuhause, arbeitend, feminin oder burschikos – jeder Mensch soll einfach sein dürfen. (Ja, das ist zugegebenermassen ein sehr kitschiger, utopischer Wunsch, dessen bin ich mir sehr bewusst. Aber wenn man schon mal die eigene Traumzukunft in Worten auf eine Magazinseite zaubern darf, dann richtig – oder etwa nicht?)

So, lange Rede, kurzer Sinn:

In 50 Jahren kann viel passieren.

In 50 Jahren muss nicht alles passieren.

Und in weiteren 50 Jahren wird noch viel passieren.

Vielleicht wird Davos bis dahin ein Badeparadies am Meer geworden sein, danke an den steigenden Meeresspiegel. Und vielleicht haben wir bis dahin auch endlich fliegende Hoverboard-Staubsaug-Roboter. Vielleicht auch nicht. Sehr wahrscheinlich sogar nicht. Aber dass sich zwischen uns Menschen bis zum Jahr 2071 noch viel tun wird, liegt nach all dem Umschwung der letzten Jahre auf der Hand. Die Veränderungen riecht man schon fast, so prominent hängen sie in der Luft. Mag sein, dass mein utopischer Wunsch bis dahin nicht so ganz Realität geworden ist, aber ich glaube, dass wir auf dem besten Weg zu etwas sehr Ähnlichem sind.

Die Welt ist in Bewegung, wir stehen nicht still. Und genauso wenig, wie der Kanton Appenzell Innerrhoden sich damals das Frauenstimmrecht vorstellen konnte, kann ich mir heute vorstellen, was in diesen 50 Jahren noch passieren wird. Nur eines ist ganz sicher: Ich bin sehr gespannt.

 

Gina Walter, born and raised im schönen Baselbiet, macht seit 2015 die Schweizer Slam-Poetry-Bühnen unsicher. Ihre Texte sind ein Sammelsurium von Themen, und meist nimmt die Baselbieterin kein Blatt vor den Mund.

Dieser Text erschien im DAVOS FESTIVAL Magazin 1/21.