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Marco Amherd ist der Intendant des Festival Davos in der Schweiz 2021.

 

Marco Amherd greift in seiner zweiten Ausgabe des DAVOS FESTIVAL ein heisses Eisen auf: die Gleichberechtigung. Was er darunter versteht – in musikalischer und gesellschaftlicher Hinsicht – und wie Gleichberechtigung beim DAVOS FESTIVAL klingen wird, das erzählt er im Interview mit Jenny Berg.

 

Jenny Berg: Marco Amherd, fühlen Sie sich privilegiert, weil Sie ein Mann sind?

Marco Amherd: Diese Frage habe ich mir lange Zeit gar nicht gestellt. Erst mit der Zeit ist mir bewusst geworden, wie sich Privilegien im Alltag anfühlen und auswirken.

Wo zum Beispiel?

Etwa in Bewerbungsverfahren. Hier werden den gleichaltrigen Kolleginnen andere Fragen gestellt: Plant die Bewerberin, eine Familie zu gründen? Möchte sie dann Teilzeit arbeiten? Wie viel kann sie dann noch leisten? – Diese Fragen werden uns Männern nicht gestellt. Dabei sollten Frauen ausschliesslich über ihren Leistungsausweis beurteilt werden, und moderne Männer sollten ebenso Teilzeit arbeiten können. Ich denke, hier sind in unserer Gesellschaft noch viele Vorurteile im Unterbewusstsein verankert.

Sie haben für das DAVOS FESTIVAL 2021 das Motto Aequalis – «gleich» – ausgesucht. In der Politik sind in der Schweiz Männer und Frauen erst seit 1971 gleich – seit der Einführung des Frauenstimmrechts. Damals waren Sie noch lange nicht auf der Welt. Weshalb interessiert Sie dieses Thema heute?

Wenn ich schon das Privileg habe, ein Festivalprogramm konzipieren zu dürfen, dann möchte ich mehr machen, als einfach schöne Musik zu präsentieren. Mir ist die Dramaturgie der Konzertprogramme, der rote Faden, der sich durch alles zieht, sehr wichtig. Und im Idealfall möchte ich mit einem Festival auch etwas bewirken. Den Finger in eine Wunde legen. Politisch etwas anstossen.

Politik und Musik in der idyllischen Davoser Bergwelt – passt das zusammen?

Natürlich ist unser Festival keine politische Veranstaltung. Aber trotzdem versuche ich, politische Aspekte spielerisch zu thematisieren. Das Frauenthema etwa ist in der klassischen Musik noch längst nicht aufgearbeitet. Wir kennen zwar die Musik von Fanny Mendelssohn und Clara Schumann – aber würden wir sie auch kennen, wenn sie weniger berühmte Ehemänner und Brüder gehabt hätten? Wie viele gibt es noch zu entdecken? – Werke von unbekannten Komponistinnen aufzuführen und das Publikum für das Thema Gleichberechtigung zu sensibilisieren, darin sehe ich eine meiner Aufgaben.

Das Frauenthema etwa ist in der klassischen Musik noch längst nicht aufgearbeitet. Wir kennen zwar die Musik von Fanny Mendelssohn und Clara Schumann – aber würden wir sie auch kennen, wenn sie weniger berühmte Ehemänner und Brüder gehabt hätten?

Dennoch: Was fasziniert Sie daran, 50 Jahre in die Schweizer Geschichte zurückzublicken?

Der Blick zurück zeigt uns Parallelen zur Gegenwart auf. Und es ist auch ein Blick zurück auf unsere Wurzeln. Die Einführung des Frauenstimmrechts war in meiner Familie ein grosser Meilenstein.

Was erzählen die Frauen in Ihrer Familie von dieser Zeit?

Meine Mutter hat sieben Geschwister, und ihr Vater war der Überzeugung, dass alle einen Beruf lernen sollten – egal, ob Mädchen oder Junge. Meine Mutter wurde dann Chemielaborantin. Das war zu jener Zeit noch nicht überall üblich. In ihrer Familie war Politik ein wichtiges Thema; und es war klar, dass man nicht nur darüber spricht, sondern auch mitgestaltet. Meine Grossmutter etwa hat 1969 bei der Oktoberfest-Parade in Gampel einen Wagen geführt, der für das Frauenstimmrecht geworben hat. Davon gibt es noch eine alte Fotografie. Das hat mich sehr bewegt: zu sehen, wofür meine Vorfahren noch kämpfen mussten. Aber ich denke, der Kampf geht heute auf anderen Ebenen weiter. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie stellt viele Paare vor grosse Herausforderungen. Auch die Lohngleichheit ist in der Schweiz noch nicht erreicht. Erst diese ermöglicht jedoch die Chancengleichheit und schlussendlich auch die Wahlfreiheit zwischen verschiedenen Erwerbs- und Familienmodellen.

 

Pia Hildbrand, Marco Amherds Grossmutter, bei der Oktoberfest-Parade in Gampel 1969

Pia Hildbrand, Marco Amherds Grossmutter, bei der Oktoberfest-Parade in Gampel 1969

 

Heute ist für uns das gleichberechtigte Stimmrecht von Männern und Frauen eine Selbstverständlichkeit. Dafür mangelt es an anderen Orten in der Gesellschaft an Gleichberechtigung. Wo sehen Sie Parallelen zur Situation von 1971?

Zum Beispiel bei der «Ehe für alle». Wenn wir davon ausgehen, dass alle Menschen gleichberechtigt sind, dann sollte man auch queere Lebensformen gleichbehandeln – in jeder Hinsicht.
Oder die Klimajugend. Immer wieder höre ich Erwachsene sagen, die jungen Leute sollten erst einmal arbeiten gehen, dann könnten sie mitreden. Oder sie sollten abstimmen gehen, statt die Schule zu schwänzen und zu demonstrieren. Aber Politik ist nicht nur das, was im Bundeshaus passiert. Ich finde es grossartig, dass es eine Jugendbewegung gibt, die sich für das Klima einsetzt. Wir sollten ihre Stimmen gleichberechtigt behandeln. Hier gibt es noch verschiedene Baustellen, bei denen wir Fortschritte machen können.

Auch das Thema «Emanzipation» wird am Festival eine wichtige Rolle spielen. Was bedeutet für Sie Emanzipation heute?

Dass man frei handeln kann, losgelöst von Konventionen und Einschränkungen. Dass Männer sogenannte Frauenberufe ergreifen können und umgekehrt – beziehungsweise dass es diese Sichtweise gar nicht mehr gibt. Für mich steckt hinter dem Begriff «Emanzipation» nicht nur eine Förderung der weiblichen, sondern auch die Stärkung einer neuen männlichen Position.

Für mich steckt hinter dem Begriff «Emanzipation» nicht nur eine Förderung der weiblichen, sondern auch die Stärkung einer neuen
männlichen Position.

Und wo sehen Sie Emanzipation in der Musik?

Zum Beispiel bei Arnold Schönberg und seinen Mitstreitern. Sie haben den Tönen die totale Freiheit geschenkt …

… einige ihrer Werke werden beim Festival zu hören sein – im Programmteil «Die Emanzipation der Töne».

Genau, gleiches Recht für alle Töne (lacht). Aber auch um 1971 fanden musikalisch einige Emanzipationsbewegungen statt.

Wie klingt denn die Schweiz des Jahres 1971 in Ihrem inneren Ohr?

Sehr experimentell. In ganz Europa sprengt die Musik dieser Zeit Grenzen. Damals hat etwa Karlheinz Stockhausen die Musik vom Instrument losgelöst, auch vom Schönklang. Seine Musik der 1970er-Jahre enthält viel Geräusch. Das ist auch eine Art Emanzipation.

Dennoch hat die Hierarchie der Töne auch etwas für sich. Die allermeiste Musik, die wir heute im sogenannten Klassik-Betrieb hören, funktioniert mit einer Hierarchie der Töne.

Ja, das ist so. Wie so oft muss man eine Grenze überschreiten, damit man danach wieder etwas anderes finden kann. Heute gibt es wieder Strömungen ins Romantische, ja Kitschige – eben weil gewisse Extreme bereits ausgelotet wurden.

Ist da die Emanzipation etwa gescheitert?

Ich denke, es ist wichtig, dass diese Emanzipation geschehen ist. Damit wurde das Spektrum erweitert. Anschliessend kann man wieder frei wählen, was einem gefällt. Ich sehe darin auch Parallelen zum politischen Betrieb. Oft muss man etwas Utopisches verlangen, damit man danach einen Mittelweg findet.

Sehen Sie darin auch die Aufgabe Ihres Festivals – einen Mittelweg zu finden?

Keinen Mittelweg, aber eine gute Mischung. Ich bemerke immer wieder, wie aufgeschlossen das Publikum in Davos ist. Wenn eine barocke Kantate ein Saxophonquartett von Georg Friedrich Haas und ein Stück von Bernd Franke umrahmt, dann macht mich die zeitgenössische Musik sensibler für die Rhetorik des Barocks, und umgekehrt nehme ich auch die zeitgenössischen Werke wacher wahr. Die Mischung hilft, vom Schubladendenken wegzukommen.

Dabei helfen auch neue Bezüge, wie zum Beispiel der Fokus auf 1971, als das Frauenstimmrecht eingeführt wurde. Sie haben mit Musik aus genau jenem Jahr ein ganzes Konzertprogramm kreiert. Wie klingt hier 1971?

Sehr unterschiedlich. Igor Stravinsky starb 1971; Malika Kishino kam damals zur Welt. Da liegen Generationen dazwischen. Aber genau 1971 hat Wolfgang Rihm ein Stück geschrieben. Er war 19 Jahre alt, hat sich nachts in der Kirche einschliessen lassen, hat Orgel gespielt und diese Stücke dann aufgeschrieben. Ich habe seine Werke als junger Orgelstudent kennen- und lieben gelernt, sie haben eine ganz andere Klangsprache als der spätere Rihm. Und dazu wollte ich eine Verbindung zum Kanton Graubünden haben – und bin auf Gion Antoni Derungs’ Fuorma gestossen, ebenfalls von 1971.

Und welche Klänge hat Derungs 1971 gefunden?

Dieses Stück für Orgel und Orchester klingt eher neobarock und trotzdem sinnlich; das Melodiöse war bei seinen Instrumentalwerken weniger präsent als bei den zahlreichen Vokalwerken und romanischen Volksliedvertonungen. Aber es ist eine absolute Rarität – solche Stücke muss man aufspüren, die gibt es nirgends zu kaufen. Das finde ich auch das Schöne an diesem Beruf, dass man auf Spurensuche gehen und solche Sachen entdecken kann.

Entdeckerfreude braucht Mut. Brauchte es auch Mut, im Coronasommer 2020 in Davos eines der wenigen Klassikfestivals durchzuführen?

Es war ein Sprung ins kalte Wasser, eine Intendanz so zu beginnen. Aber für uns war immer klar, wir möchten dem Publikum eine Perspektive bieten – und auch der Künstlerschaft. Für viele waren es dann im Sommer die ersten Konzerte seit dem Lockdown überhaupt. Das hat eine unglaubliche Energie freigesetzt, bei den Musikerinnen und Musikern und beim Publikum. Ich bin überzeugt: Wenn wir einander mit gegenseitiger Rücksichtnahme begegnen, dann können wir auch 2021 ein intensives Festival erleben.

 

Das Interview führte Jenny Berg, Musikredaktorin bei SRF 2 Kultur. Zuvor war sie an der Zürcher Hochschule der Künste ZHdK als Musikwissenschaftlerin und bei der bz Basel als Kulturjournalistin tätig.

Dieser Text erschien im DAVOS FESTIVAL Magazin 1/21.