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Davos ist 2021 erneut Spielort für klassische Musik.

 

von Andri Perl

Beginnen wir diesen Text über Gleichheit in einem Umfeld grosser Ungleichheit. Beginnen wir diesen Text über Davos ganz woanders. Beginnen wir ihn mit der Krönung eines Königs. Weil wir in den letzten Monaten alle zu viel Netflix und Sendungen über die britischen Royals geschaut haben, ist uns die Geschichte, die zu dieser unvorhergesehenen Krönung führt, sogar bekannt. 1936 dankt der amtierende britische Monarch Edward VIII. ab, weil er die Frau, die er liebt, heiraten möchte, obschon diese bereits zweimal geschieden ist. Eine Eheschliessung lässt sich nicht mit seiner Rolle als Oberhaupt der anglikanischen Kirche vereinbaren. Sein Bruder erbt die Krone. Wir blicken also aus der Zukunft auf die Krönung von George VI. zurück. Es ist 1937 und die BBC strahlt zu Ehren der neuen Majestät ein Krönungskonzert aus.

Die BBC beauftragt unter anderen den englischen Komponisten John Ireland, Musik zum Krönungskonzert beizutragen. Dieser hadert lange, schafft es aber gerade noch rechtzeitig zu den Endproben des Konzerts, seine Hymne These Things Shall Be abzuliefern. Seine wohl wenig royalistische Grundhaltung mag zur Arbeitsverzögerung beigetragen haben – als kleinen Scherz baut er für die Hörner die Melodie der Internationale ein. Auch der Text, der der Hymne zugrunde liegt, besingt eher die Gleichheit der Menschen als einen neuen Monarchen. Es ist das Gedicht A Vista aus der Feder von John Addington Symonds, einem Dichter des 19. Jahrhunderts. Wohlweislich lässt Ireland einige Strophen aus, zum Beispiel die fünfte, die von den zukünftigen Menschen weiss: «They shall be pure from fraud, and know / The names of priest and king no more».

Ein Mitbegründer von Davos’ Ruhm

Also, den Umweg von der Krönung eines Königs zur Gleichheit haben wir schon beinahe geschafft. Wie nur kommen wir nun aber aus Grossbritannien nach Davos? Indem wir dem Dichter von A Vista folgen. John Addington Symonds und sein Werk sind zwar etwas in Vergessenheit geraten, doch ist seine Biografie unzertrennlich mit Davos verbunden.

Der 1840 in Bristol geborene, aus gutem Hause stammende Symonds besucht die berühmte Privatschule Harrow und studiert an der Oxford University. Nach seinem Studium macht er sich einen Namen als Dichter, Literaturkritiker und Kunsthistoriker – so gilt sein siebenbändiges Magnum Opus The Renaissance in Italy schon zu Lebzeiten als Standardwerk. Der junge Mann reist für Studienaufenthalte nach Italien und zur Kur in die Schweiz, wo er auch seine Frau Catherine North kennenlernt.

Symonds leidet unter Tuberkulose, die bei ihm nie völlig ausheilt. Alle Medizin absetzen, den ganzen Tag warm eingepackt in der Sonne liegen, möglichst üppig essen, dazu eine anständige Menge Veltliner und auf keinen Fall zu viel Bewegung. So beschreibt er den Beginn der Kur, für die er 1877 nach Davos reist. Das Davoser Klima behagt dem Literaten, der Ort gefällt ihm. Aus dem Kuraufenthalt wird ein Daueraufenthalt. Symonds, seine Frau Catherine und seine vier Töchter nehmen Wohnsitz in den Bündner Bergen – für Davos ein Glücksfall, denn der englische Gelehrte ist kein zurückgezogen lebender Zugezogener. Er lernt Deutsch, freundet sich mit den Einheimischen an und nimmt massgeblichen Einfluss auf das Leben in Davos. Ein Jahr nach seinem Umzug veröffentlicht er in seiner alten Heimat die Schilderung Winter in Davos. Seine Begeisterung für das Landwassertal ist ansteckend, der Bericht trägt massgeblich zum Ruhm des noch jungen Kurorts bei. Wir können Symonds getrost als Mitbegründer einer ganzen britischen Diaspora und als Lockvogel einer zahlungskräftigen Gästeschar bezeichnen. Namhafte Literaten wie Robert Louis Stevenson oder Arthur Conan Doyle folgen Symonds’ Ruf.

Schlittenfahrten und Männerliebe

Symonds ist jedoch nicht nur ein Mann der Worte. Trotz der gesundheitlichen Unbill liebt er den Sport, insbesondere den Wintersport. Er ist Mitbegründer und Präsident des Davos Toboggan Club, auf gut deutsch des Schlittelklubs, und stiftet sogar den nach ihm benannten Symonds Cup. Den Wanderpokal darf für ein Jahr behalten, wer das waghalsige Rennen für traditionelle Holzschlitten auf der Poststrasse von Davos nach Klosters gewinnt. John Addington Symonds scheint das normale Schlittelrennen noch nicht genug halsbrecherisch zu sein, also stiftet er zusätzlich den Symonds Shield. Auf dem glatt präparierten Buol Ice Run sind auch hochmodern konstruierte Schlitten zulässig. Die nach Davos zum Wettbewerb eingeladenen St. Moritzer Delegationen entwickeln daraus den Bob- und Skeletonsport.

Sport beschäftigt Symonds auch im Sommer. So begleitet er als Berichterstatter eine Davoser Delegation ans Eidgenössische Turnfest in Genf. Aus seinen Berichten liest man die Begeisterung für die körperliche Ertüchtigung und für den Körper. Für den männlichen Körper. John Addington Symonds ist homosexuell. Die Ehe mit Catherine North geht er ein, um den gesellschaftlichen Schein zu wahren. Und weil sein Arzt sie ihm als Mittel gegen Dauererektionen verschreibt.

Aus dem anfangs erwähnten Gedicht A Vista tilgt der Komponist John Ireland unter anderem auch folgende Strophe: «Man shall love man with heart as pure / And fervent as the young-eyed joys / Who chant their heavenly songs before / God’s face with undiscordant noise.»

Ein verhinderter Bahnbrecher …

Zunächst lebt Symonds seine Homosexualität nicht aus, macht seiner Frau gegenüber aber keinen Hehl aus seiner Neigung. Dass er sich in Davos niederlässt, hängt vielleicht nicht nur mit dem gesunden Klima zusammen. Im Vergleich zur viktorianischen Prüderie hat man in Kontinentaleuropa eine etwas offenere Geisteshaltung. Jedenfalls unternimmt er von Davos aus Studienreisen nach Venedig und Rom, wo er erstmals Liebesbeziehungen mit Männern pflegt.

Das Thema Homosexualität beschäftigt den Kulturwissenschaftler auch intellektuell. Er verfasst in seiner Davoser Zeit die zwei Traktate A Problem in Greek Ethics (1883) und A Problem in Modern Ethics (1891). Ersterer betrifft das berühmte erotische Verhältnis zwischen Mentor und Schüler im antiken Griechenland. Die These: Die alten Griechen hätten Homosexualität als gleichwertige Form der Liebe anerkannt. Der zweite Traktat ist eine Kritik an der zeitgenössischen Wissenschaft, die Homosexualität zur Krankheit erklärt hat. Beide Schriften verbreitet Symonds nur im privaten Kreis, weil sie vor der Zensur niemals bestehen würden.

Er arbeitet zudem mit dem britischen Mediziner Havelock Ellis an einer grösseren Studie mit dem Titel Sexual Inversion. Der erste medizinische Text über Homosexualität in Grossbritannien erscheint 1897 nach Symonds’ Tod unter beider Namen (Symonds war 1893 in Rom gestorben), wird auf Catherines Betreiben hin aber eingestampft. Zu gross ist die Angst vor dem Reputationsverlust. Die zweite Auflage unter Ellis’ alleiniger Autorschaft stufen die Gerichte in Grossbritannien als Pornografie ein. Sie verbieten das Buch kurzerhand. Zuletzt veröffentlicht Ellis Sexual Inversion in New York – und begründet damit seinen Ruf als berühmter Sexualforscher. Symonds’ Schaffen als Kunsthistoriker und Kulturforscher gerät hingegen in Vergessenheit.

… mit verhindertem Nachleben

Dass Symonds heute nicht bekannter ist, hängt damit zusammen, dass auch seine Memoiren jahrzehntelang unter Verschluss bleiben. Viel zu freizügig sind sie für ihre Zeit. Seine Korrespondenz geht zu grossen Teilen verloren, als sie in den 1920er-Jahren in den Besitz seines Freundes und Berufskollegen Edmund Gosse gerät. Gosse verbrennt die meisten Briefe. Zu viel hätten sie über ihn selbst offenbart. Dass Symonds’ Schriften das Potenzial zu Unerhörtem haben, erkennt auch die grosse Virginia Woolf, die mit seinen Töchtern gut bekannt ist. Ihrer Bitte um Veröffentlichung traut sich die Familie Symonds nicht nachzukommen.

Und wie sieht es mit Symonds’ Ruhm in unseren Tagen aus? Gerade in seiner Wahlheimat? Bis heute fehlt in Graubünden und Davos eine tiefere (auch kritische) Auseinandersetzung mit diesem bedeutsamen Einwohner – sei es wissenschaftlich, sportlich oder künstlerisch. Aber was nicht ist, kann ja noch werden. Um mit Symonds’ Pathos zu enden: «These things shall be! A loftier race / Than e’er the world hath known shall rise / With flame of freedom in their souls / And light of science in their eyes.»

 

Im Programm:

 

Andri Perl (*1984) aus Chur ist Rapper in der Band Breitbild und Autor der Romane Die fünfte, letzte und wichtigste Reiseregel (2010) sowie Die Luke (2013). Er hat an der Universität Zürich Germanistik und Kunstgeschichte studiert und ein Masterstudium in Dramaturgie an der Zürcher Hochschule der Künste absolviert. Ausserdem sitzt er für die SP im Bündner Kantonsparlament und amtet als Präsident der Kantonalpartei. Er ist ein zusehends lahmender Hobbyfussballer der Schriftstellernati und Träger des Bündner Literaturpreises 2019. Dieser Text basiert u.a. auf Artikeln des Autors im Buch Davos – zwischen Bergzauber und Zauberberg (NZZLibro, 2015, hg. von Franco Item).

Dieser Text erschien im DAVOS FESTIVAL Magazin 2/21.