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Die junge Irène Schweizer während einer Jam Session. Sie wird im DAVOS FESTIVAL Magazin porträtiert.

 

Die weltberühmte Jazzpianistin Irène Schweizer (*1941) wusste als Zwölfjährige zwei Dinge: Sie wollte Musik machen und nie einen Mann heiraten. In der Zürcher Frauenbewegung protestierte sie gegen patriarchale Strukturen und brachte ihren Kampf auch auf die Bühne. Als vielreisende Musikerin war sie oft einsam. Wichtig sind ihr Free Jazz, Freundinnen, Freiheit und ihr Lieblingsort in Zürich: die Frauenbadi.
aufgezeichnet von Corinne Rufli

Als ich Anfang der 1970er-Jahre nach Zürich kam, lag etwas in der Luft. Die Stimmung hatte sich verändert. Ich merkte: Etwas ist in Bewegung gekommen! Das Frauenstimmrecht wurde gerade eingeführt. Feministische Forderungen wurden laut und öffentlich gestellt. Ich fand ein Zimmer in einer alternativen WG. Dort lernte ich eine Frau kennen, die mir von der Frauenbefreiungsbewegung und dem Frauenzentrum erzählte. Das faszinierte mich. Eines Abends machte ich mich auf den Weg in dieses Frauenzentrum. Etwas scheu stand ich am Eingang, bis mich eine junge Frau ansprach. Sie sagte, sie sei in der HFG, der homosexuellen Frauengruppe, ich solle doch einmal an ein Treffen kommen. Das tat ich dann auch und sah die Frau wieder – sie hiess Lis. Nach dem Treffen schlug sie mir vor, in den Barfüsser zu gehen, ein Lokal für Lesben und Schwule im Niederdorf. Eine dunkle Bar, es wurde geraucht und getrunken. Ziemliches Milieu! Nichts für mich! Aber Lis war sehr nett. Später am Abend fragte ich sie, ob ich sie heimfahren könne. Sie sagte nein, sie nehme das Tram. Dann fuhr ich sie doch nach Hause. Wir trafen uns immer wieder im Frauenzentrum. So kam ich in die Frauenbewegung. Lis war Anfang zwanzig und ich schon über dreissig. Zehn Jahre Altersunterschied waren viel. Trotzdem wurden wir ein Paar. Erst durch die Frauenbewegung fing ich an, mich mit meinem Lesbischsein auseinanderzusetzen.

Ich wurde politisch aktiv. Am wichtigsten war mir aber, dass ich andere lesbische Frauen kennenlernte. Wir kämpften für unsere Rechte, damit wir uns nicht mehr verstecken mussten. Wir machten auf die Diskriminierung aufmerksam und forderten, dass Lesben von der Öffentlichkeit wahrgenommen werden. Wir trugen Transparente, verteilten Flugblätter und führten provokative Theaterstücke auf. Einmal kauften wir Zement und pflasterten damit die Fenster eines «Stützlisex-Kinos» (Peepshow) zu, damit die Männer nicht mehr reingucken konnten. Wir machten viele illegale Sachen. Wir waren ziemlich frech, das kann ich sagen, und wir wehrten uns. Die Sitzungen, die Frauenforen, die Zeitschriften, die wir herausgebracht haben – wir waren stets aktiv auf irgendeine Art. Und überall, wo es ein Klavier hatte, musste ich natürlich spielen.

Einmal kauften wir Zement und pflasterten damit die Fenster eines «Stützlisex-Kinos» zu.

Geboren bin ich 1941 in Schaffhausen, als mittlere von drei Schwestern. Meine Eltern führten dort das Restaurant Landhaus, wo wir auch wohnten. Mein Vater starb früh, er hatte einen Herzinfarkt. Sein plötzlicher Tod war ein schwerer Schlag. Ich war erst zehn Jahre alt.

Als ich als Teenager begann, Musik zu machen, hätte ich mir nie träumen lassen, dass ich einmal meinen Lebensunterhalt damit verdienen würde. Meine Liebe zum Jazz begann im «Landhaus». Im Restaurantsaal fanden viele Unterhaltungsabende mit Tanzmusik statt, dort stand ein Klavier. Eine Studentenband probte bei uns. Sie spielten Cool Jazz, den Jazz der Weissen. Ich hörte ihnen als Kind gerne zu. Diese Musik war für mich das Grösste. Der Jazz packte mich, es war Liebe auf den ersten Ton. Ich wollte auch so spielen können und fing an, am Klavier nach Gehör zu kopieren. Noten interessierten mich nicht. Ich wollte frei improvisieren und brachte mir das Jazzspielen selbst bei. Ich spielte mit 14 Jahren als Schlagzeugerin und Pianistin in dieser Studentenband und hatte in unserem Saal meinen ersten öffentlichen Auftritt am Piano. Ich wusste, ich wollte Musikerin werden. Der Jazz war für mich der eigentliche Grund, Musik zu machen. Ohne Jazz wäre ich nicht Musikerin geworden. Ich fand es schrecklich, dass meine Schulkameraden Rock’n’Roll und Schlager hörten. Ich war elitär und radikal, was die Musik anbetraf.

Am Amateur-Jazz-Festival in Zürich stand ich als 17-Jährige mit den Modern Jazz Preachers auf der Bühne, da war ich noch ein schüchternes Mädchen. 1960 erreichte ich an diesem Festival mit dem Irène Schweizer Trio den ersten Rang in der Kategorie Piano. Wenn mir damals einer gesagt hätte, 2004 spielst du im KKL Luzern und 2011 in der Tonhalle Zürich, hätte ich nur gesagt: «Spinnsch eigentlich!»

Nach der Schule machte ich eine kaufmännische Ausbildung und wurde Sekretärin. Mit 19 Jahren ging ich nach England, um die Sprache zu lernen. Die Abende verbrachte ich in Jazzclubs. An der Schule lernte ich eine junge Frau aus Biel kennen. In sie verliebte ich mich, und sie sich auch in mich. Sie war die erste Frau, die ich kannte, die Jazzplatten von Miles Davis, Bill Evans und John Coltrane besass. Ich hatte vorher noch keine Frau getroffen, die sich für Jazz interessierte. Sie war meine erste Liebe.

In sie verliebte ich mich, und sie sich auch in mich. Sie war die erste Frau, die ich kannte, die Jazzplatten von Miles Davis, Bill Evans und John Coltrane besass.

Zurück in der Schweiz suchte ich mir ein Zimmer in Zürich und Anschluss an Jazzkreise. Den fand ich im legendären Zürcher Jazzcafé Africana an der Mühlegasse, wo Dollar Brand, Louis Moholo von den Blue Notes und all die jungen südafrikanischen Musiker spielten. Sie brachten frischen Wind in den Schweizer Jazz und beeinflussten mich stark. Ich trat später mit ihnen in ganz Europa auf, oft auch an politischen Anlässen gegen das Apartheid-Regime.

Die Südafrikaner brachten eine ganz neue, eigene, hymnische Art von Jazz. Bis heute bin ich davon beeindruckt. Mir wird nachgesagt, dass man bei mir Dollar Brand raushöre. Ich spielte Modern Jazz und entwickelte meine Musik immer weiter. Eine junge Frau, die Jazz spielte, war eine Seltenheit.

Am Anfang scheute ich die Bühne. Ich konnte stundenlang für mich allein spielen und brauchte kein Publikum. Die heutigen jungen Musiker wollen alle auf die Bühne, sie wollen gleich eine Platte rausgeben. Auftreten war nie mein Ziel. Doch mit der Zeit gewöhnte ich mich an die Öffentlichkeit. Die Leute sagen, ich sei ganz anders auf der Bühne, nicht die ruhige Frau, die sie zu kennen glauben: Ich sei so vertieft in die Musik und hätte eine ganz andere Ausstrahlung.

Ich war immer die einzige Frau, die auftrat, das hat sich bis heute kaum verändert. Ich hatte immer nur mit Männern zu tun. Ich spielte viel im Ausland mit verschiedenen Musikern. Für mich gab es nur Musik, Musik, Musik. Ich bin keine intellektuelle Musikerin, bei mir stand das Gefühl stets im Vordergrund.

Nachdem die Beziehung mit meiner ersten Liebe beendet war, hatte ich lange keine Freundin mehr. Das war mir aber auch nicht so wichtig. Ich war mit der Musik verheiratet. Ich wusste damals gar nicht, wo ich hätte Frauen kennenlernen können. Kontakte zu lesbischen Frauen kamen erst durch mein Engagement im Frauenzentrum zustande. Doch meine Gefühle für Frauen waren viel älter. Schon mit zwölf Jahren hatte ich mich in Mädchen verliebt, in meine Schulkolleginnen oder meine Lehrerinnen. Ich wusste, Männer ziehen mich nicht an, da entstand keine Erotik. Im Welschlandjahr, an einer Haushaltsschule für Mädchen, verliebte ich mich in eine junge Frau und sie sich in mich. Das war alles eher platonisch. Wir hielten Händchen und verbrachten Zeit miteinander.

Ein klassisches Familienleben habe ich nicht gekannt. Wir waren keine typische Kleinfamilie, in der die Eltern kontrollieren, wann du nach Hause kommst und wann du ins Bett gehst. Wir hätten am Abend abhauen können, das hätte niemand gemerkt. Mein Vater lebte ja nicht mehr, und meine Mutter hatte für Kontrolle gar keine Zeit. Wir sind sehr frei aufgewachsen, durften immer alles machen. Diese Freiheit war etwas Tolles. Doch ich vermisste ein Familienleben. Wir Schwestern waren auf uns selber gestellt. Gerade weil wir so viele Freiheiten hatten, machten wir kaum je etwas Verbotenes. Wir hätten jeden Abend mit einem Mann ausgehen können, aber wir verspürten dieses Bedürfnis gar nicht.

Meine Mutter starb mit 65 Jahren an Krebs. Ich bin heute älter, als meine Mutter geworden ist, das ist ein komisches Gefühl. In meinem Elternhaus wurden mir nie Fragen gestellt. Das Thema Lesbischsein wurde in der Familie nicht diskutiert. Man sagte, ja, ja, das ist jetzt halt so.

 

Lieblingsort: Irène Schweizer am Zürichsee (2014)

 

Als freischaffende Musikerin konnte ich mich stets frei bewegen. Ich musste nichts verheimlichen, da ich mich nirgends bewerben musste. Explizit wurde kaum je darüber gesprochen. Mein Freundeskreis wusste es, die anderen vermuteten es. Ich stellte mein Lesbischsein nie in den Vordergrund. Es war einfach kein Thema. Auch in Medieninterviews sprach ich nicht einfach so über meine sexuelle Orientierung. Ausser ich wurde direkt gefragt, oder wenn ich fand, dieser Journalist soll das nur wissen. Für die Musiker war es auch klar – sie wussten, bei Irène ist nichts zu holen. Denn gewisse Musiker holten ihre Sängerinnen mit der Absicht in die Band, sie noch für anderes zu brauchen. Die Musikerin Lindsay Cooper sagte jeweils zu mir: «You are one of the boys.» Mich haben die Männer akzeptiert. Aber ich wusste, ich bin gut! Ich bin besser als viele von denen. Darum wagten sie nicht, mich anzumachen oder blöde Sprüche zu klopfen. Die Jazzmusiker waren wirklich die grössten Machos von allen Männern. Die haben es dick getrieben, und die meisten hatten Frau und Kinder. Die heutigen jungen Schweizer Musiker, die ich kenne, sind aber sehr brav.

Eine Musikerin zu sein in dieser Männerdomäne war schon ungewöhnlich. Einige Leute dachten, die spinnt. Andere sagten, die spielt wie ein Mann. Meine Musik mögen nicht alle. Besonders den Free Jazz nicht, den ich in den 1970er-Jahren spielte. Das sei ja nur Lärm. Manchmal liefen Zuschauer aus dem Konzertsaal und buhten uns aus. Das war mir egal. Ich wusste: Was wir spielen, ist gut. In den Anfangszeiten wurde ich schon angefeindet. Zum einen, weil ich mit dem Free Jazz musikalische Konventionen sprengte, und zum anderen, weil ich eine Frau war. Ich vermisste Frauen im Jazz und kam erst spät musikalisch mit anderen Frauen in Berührung. In den 1980er-Jahren wurde ich Teil der Feminist Improvising Group, mein feministischer Aktivismus zeigte sich auch in der Musik. Das war ein internationales Bandprojekt mit Improvisationskünstlerinnen wie Lindsay Cooper und Maggie Nicols. Die Leute erschraken, als sie uns hörten. Besonders die Männer fluchten über uns. Wir improvisierten unser eigenes Leben, den Alltag, wir zeigten die Abhängigkeiten zwischen den Geschlechtern auf und machten viel Blödsinn auf der Bühne. Es war ein Ausbruch aus den patriarchalen Strukturen, die auch in der Jazzmusik herrschten. Es ging uns bei den Auftritten nicht um Leistung, sondern um den Ausdruck. Wir wollten zeigen, was in einer reinen Frauenband alles möglich ist. Die männlichen Musiker waren immer tierernst, da war nichts Herzliches, nichts Frisches.

Aus dieser Gruppe entstand später das Frauentrio Les Diaboliques. Wir waren ausgeflippt und radikal. Trotz unserem grossen Einfluss wurden wir von der Kritik lange ignoriert. Das zeigt, wie die Musikwelt funktioniert. Ich engagierte mich auch neben der Bühne für die Musik, ich wollte mitbestimmen.

In den letzten vierzig Jahren hat sich gesellschaftlich wahnsinnig viel verändert. Man hat das Gefühl, heute sei alles erlaubt. Die jungen Frauen können froh sein, dass wir Feministinnen der ersten Stunde so viel Vorarbeit geleistet. Viele wissen das nicht einmal! Für sie ist es selbstverständlich, dass sie eine Freundin haben.

Ich habe bis heute lesbische Freundinnen, die ich noch aus der Frauenbewegung kenne, die meisten sind jünger als ich. Ich weiss wirklich nicht, wo die älteren Lesben sind.

Da ich im Beruf meine Befriedigung gefunden hatte, war es weniger schwierig, auch einmal ohne Beziehung zu sein.

Ob ich mir Gedanken übers Älterwerden oder den Tod mache? Solange es einem gut geht, denkt man nicht darüber nach. Ich weiss, dass ich nicht in ein Altersheim will. Ich lebe seit über vierzig Jahren im gleichen Haus, in einem Altbau im Zürcher Kreis 4. Ich liebe dieses Multikulti-Quartier.

Rückblickend muss ich sagen, dass ich in meinem Leben viele Krisen hatte. Ich war oft allein, einsam und traurig. Dank der Musik und dem Erfolg hielt ich es aus. Sie stärkten mich. Ich brauchte viel Zeit für mich. Ich brauche lange, bis ich eine Trennung verdaut habe und wieder offen bin. Da ich im Beruf meine Befriedigung gefunden hatte, war es weniger schwierig, auch einmal ohne Beziehung zu sein. Mit der Musik war ich beschäftigt. Ich reiste sehr viel und habe gespielt und gespielt und gespielt. Das war auch anstrengend.

In den letzten Jahren spielte ich nicht mehr so häufig. Ich habe das lange genug gemacht. Bis zu meinem siebzigsten Geburtstag gab ich monatlich fünf bis sieben Konzerte. Anfragen aus der Schweiz nehme ich meistens noch an, aus dem Ausland nicht mehr, ausser ich kann mit Musikern spielen, mit denen ich schon lange wieder einmal spielen wollte. An wichtigen Festivals spiele ich natürlich schon, das ist klar.

Die Hoffnung auf eine neue Liebe hatte ich bereits aufgegeben gehabt. Ich suchte ja auch niemanden zum Zusammenleben, bloss eine Frau für eine lockere Beziehung, in der man einander gernhat, füreinander da ist und gemeinsam etwas unternimmt. Im Alter wird es immer schwieriger, jemanden kennenzulernen. Trotzdem hat es mit der Liebe noch geklappt. Wir führen sozusagen eine Long-Distance-Beziehung zwischen Zürich und Basel. Ich brauche meine Freiheit und sie ihre.

Den Sommer verbringe ich am liebsten in Zürich. Ich gehe oft schwimmen, gerne in der Frauenbadi. Meine Lust auf Action ist nicht mehr sehr gross. Ich bin ruhiger geworden und froh, nicht mehr jeden Abend irgendwo auf der Bühne stehen zu müssen. Es ist schön, im eigenen Bett aufzuwachen.

 

Programmtipp:

 

Irène Schweizer ist eine von elf porträtierten Frauen im Buch «Seit dieser Nacht war ich wie verzaubert». Frauenliebende Frauen über siebzig erzählen (Verlag Hier und Jetzt, 2015). Der hier veröffentlichte Text ist eine gekürzte und ergänzte Version aus dem Buch. Corinne Rufli ist Autorin und wird seit der Publikation im gesamten deutschsprachigen Raum für Lesungen und Vorträge eingeladen. Meistens tritt sie gemeinsam mit Protagonistinnen aus dem Buch auf. Ihr neustes Buch als Co-Autorin heisst Vorbild und Vorurteil (Verlag Hier und Jetzt, 2020), darin werden 28 lesbische Spitzensportlerinnen aus der Schweiz porträtiert: lesbengeschichte.ch.

Dieser Text erschien im DAVOS FESTIVAL Magazin 2/21.

Titelbild: Irène Schweizer während einer Jamsession Mitte der 1960er-Jahre © Privat
Bild Irène Schweizer (2014) © Siggi Bucher