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Eine Davoser Gruselgeschichte
von Silvia Götschi

 

In dieser Nacht fiel ihr die Frau an der Ecke zur Passage nicht besonders auf. Natürlich war es seltsam, ihr zu dieser fortgeschrittenen Stunde zu begegnen. Sie hatte einen Geigenkasten unter ihren Arm geklemmt. Möglicherweise wartete sie auf jemanden. Seraina fuhr an ihr vorbei, grüsste höflich. Die Fremde sagte nichts.

Die rechteckige Öffnung am Ende des Tunnels wirkte düster wie immer um diese Zeit.

Nachdem Seraina vor einem Jahr mit dem Fahrrad schwer gestürzt und seither auf den Rollstuhl angewiesen war, musste sie ihr Leben komplett umkrempeln. Einst war sie ein Bewegungsmensch gewesen. Sport hatte ihr alles bedeutet. Vor allem Fahrradfahren. Sie hatte sich sogar ein teures Mountainbike geleistet, eines von der Sorte, die frisch auf den Markt gekommen war und bestimmt niemand von ihren Freunden hatte. Ihr Fahrrad war ihr ganzer Stolz gewesen.

Bis zu diesem Unfall.

Drei Monate hatte sie im Davoser Spital gelegen und mehrere Operationen erdulden müssen, nicht sicher, ob sie jemals wieder würde gehen können. Der schlimmste Fall war jedoch nicht eingetreten. Zumindest hatte sich das Schlimme innerhalb von zwölf Monaten in etwas halbwegs Normales zurückverwandelt.

Die Chance auf eine totale Genesung bestand.

Vor einem Monat hatte sie ihre Stelle im Hotel Belvédère als rechte Hand des Nachtconcierge bekommen. Ihre Arbeit bestand darin, die Rezeption von acht Uhr abends bis Mitternacht zu besetzen und Anrufe entgegenzunehmen. Ein paar Buchungen hatte sie bereits eintragen können, ganz zur Freude des Hoteldirektors, der von Anfang an zu ihr stand und an sie geglaubt hatte. Manchmal gab es Gäste, die auch nachts zu essen wünschten. Denen musste sie die von der Küchenbrigade vorbereiteten kalten Gerichte aufs Zimmer bringen.

Es war ja nicht so, dass Serainas Beine vollkommen gelähmt waren. Aber wenn sie lange stehen musste, fühlte sie die Kraft schwinden und knickte ein. Dreimal die Woche ging sie zur Rehabilitation in die Hochgebirgsklinik und machte ordentliche Fortschritte. Ihre Therapeutin war zufrieden mit ihr, stellte sie ihr doch in Aussicht, bald ohne Hilfe wieder gehen zu können.

Am Willen fehlte es nicht.

Ihre Arbeit, die bloss vier Stunden dauerte, sah Seraina als Wiedereinstieg in einen Hundertprozentjob an. Vielleicht sogar in der Hotellerie. Sie müsse es langsam angehen, hatte ihr Arzt geraten, der sie noch lange nach ihrem Unfall betreute.

Nur manchmal vergoss sie ein paar Tränen, wenn sie sich an früher erinnerte. An die Zeit mit ihrer Clique. Ungebunden war sie gewesen und eine jener jungen Frauen, die dem Idealbild der Zehnerjahre entsprachen. Sie hatte sich mit Männern getroffen, war bloss kurze Beziehungen eingegangen. Freiheit war ihr wichtig gewesen.

Und vor allem Spass.

Ihre Berufung, Wohnungen und Häuser zu gestalten, hatte sie zum Beruf der Innenarchitektin gemacht, war kurz davorgestanden, ihre eigene Firma zu gründen. Die Zustimmung ihrer Familie hatte sie gehabt, die finanzielle Unterstützung ebenso.

Das gesparte Geld war später für ihren Lebensunterhalt draufgegangen.

 

 

Das Dorf so still. Seraina verliess auch in dieser Nacht das Hotel um halb eins. Um zehn vor eins würde sie bei der Brücke sein. Der Schatten einer Katze glitt über die Mauern. Seraina sah nach oben, zu den Fenstern, die sie wie grosse Augen anstarrten, auf die finsteren Gesichter fremder Häuserburgen. Nur manchmal schimmerte es durch zugezogene Vorhänge oder es erlosch ein Glimmen an den Fassaden.

Vor der Auslage des Buchladens hielt Seraina an. Hinter der nachtmatten Scheibe erkannte sie schemenhaft die Cover der neusten Bücher, die sie sich am nächsten Tag kaufen wollte. In letzter Zeit hatte sie viel gelesen, auch Titel, die sie früher nie beachtet hätte. Sie hatte nicht nur einen Gang, sondern mehrere Gänge runterschalten müssen.

Sie fuhr die Strasse entlang, endlos kam sie ihr vor. Links und rechts verwaiste Geschäfte, die auf Sparbeleuchtung umgestellt hatten. Weiter ging es bis zum Aufzug, welcher die Promenade mit der Talstrasse verband. Die Gerade vor dem Bahnhof. Wie ausgestorben. Die rechteckige Öffnung am Ende des Tunnels wirkte düster wie immer um diese Zeit.

Im Dachgeschoss habe er gehangen, ein Komponist, dessen Namen niemand kannte. Seine Schreie habe man weit über Davos hinaus gehört.

Auch in dieser Nacht stand die Frau an der Kreuzung. An ihrem Arm trug sie eine altmodische Handtasche, die man bestenfalls in einem Brockenhaus bekam, und einen Geigenkasten. Seraina wunderte sich, denn die Fremde erwiderte ihren Gruss wie schon neulich nicht.

Eine einzige Laterne brannte. Ein Taxi war unterwegs, mit einem späten oder frühen Gast. Ansonsten alles ruhig.

Seraina hatte sich einen Spass daraus gemacht, die Hofstrasse wie ein Formel-1-Wagen zu befahren.

Die schnelle Fahrt war für Seraina ein sich wiederholendes Erlebnis. Nachts und allein; sie mochte das zarte Gruseln, wenn unerklärliche Geräusche ihr die Nackenhaare aufrichteten.

Auch in dieser Nacht.

Seraina erreichte die Brücke, die über das Landwasser führte. Sie stemmte sich ans Brückengeländer, warf einen Blick auf das Wasser. Der Fluss floss träge, trug die Lichter des Ufers mit sich, in die Unendlichkeit, vielleicht ins Meer, wenn sie es sich nur lange genug vorstellte. Sie wäre gerne mitgeschwommen, hinunter zur Zügenschlucht, zu den engen Stellen, durch die die Wassermassen drängten und schäumende Gischt aufstäuben liessen.

Die Tannenspitzen auf der Jschalp schraubten sich in einen purpurfarbenen Himmel. Dahinter das Jakobshorn, scharf gezeichnet wie ein Scherenschnitt.

Sie erreichte den kleinen Weiler in der Fortsetzung der Hofstrasse. Man munkelte, die Häuser seien hier etwas schief geraten. Seien mit den Jahren einseitig minimal abgesackt. Von blossem Auge nicht zu erkennen. Seraina gelangte zum ersten Haus, das unbewohnt war. Sie drückte den Griff der Tür hinunter.

Geschlossen.

Seit Nächten versuchte sie, sich Zutritt zum Haus zu verschaffen, hätte sich einmal in ihrem Leben gern darin umgesehen und am eigenen Leib erfahren, ob an den Geistererscheinungen, die man sich erzählte, etwas dran war. Und warum die letzten Bewohner es Hals über Kopf verlassen hatten.

Im Dachgeschoss habe er gehangen, ein Komponist, dessen Namen niemand kannte. Seine Schreie habe man weit über Davos hinaus gehört.

Im Feld zirpten Grillen im Wettstreit mit der Kirchturmuhr, die viermal schlug. Den Tönen folgte ein dunkler Klang.

 

 

In der nächsten Nacht stand die Frau erneut vor der Passage. Wann war sie hierhergekommen? Auf wen wartete sie? Am Abend, als Seraina zur Arbeit ging, war sie nicht da gewesen. Sie wäre ihr sonst aufgefallen. Die Frau mit dem altmodischen Rock, der ihr bis zu den Knöcheln reichte. Auch ihre Frisur passte nicht ins Jahr 2021, obwohl sie keine vierzig war.

Seraina grüsste sie, blieb sogar ein paar Sekunden stehen. Die Fremde sagte nichts. Ob sie ihr auflauerte? Sie in einem Überraschungsmoment überfallen und sie ausrauben würde? Oder warteten ihre Komplizen in den verschwiegenen Nischen der Häuser?

Ab und zu gab es auch in Davos Renitente, vor allem nachts, wenn die Strassen menschenleer waren und die Dunkelheit Schattengestalten gebar. Dann krochen sie aus ihren Verstecken.

Seraina hatte sich bis anhin nie vor solchen Gestalten gefürchtet. Bei ihr gab es nichts zu holen. Ihr Portemonnaie lag zuhause auf dem Küchentisch. Sie trug bloss ein paar Münzen bei sich, gut verborgen in ihrer Jackentasche, ein Notgroschen.

Auch heute liess sie sich Zeit. Der Weg nach Hause zu den Höfen fühlte sich jedes Mal anders an. Seraina meinte die Steine unter den Rädern des Rollstuhls raunen zu hören, und wenn sie den Kopf in den Nacken legte, glaubte sie, der Himmel über ihr würde ihr etwas zuflüstern.

Sie fürchtete sich nicht vor ihr, obwohl ihre Anwesenheit mehr als merkwürdig war. Ein mulmiges Gefühl blieb immer zurück.

Eine ganze Woche lang stand die Frau zur selben Zeit in der Passage. Seraina kam sie vor wie eine lebende Statue. Sie fürchtete sich nicht vor ihr, obwohl ihre Anwesenheit mehr als merkwürdig war. Ein mulmiges Gefühl blieb immer zurück.

Seraina getraute sich nicht, über diese nächtliche Begegnung zu sprechen. Nach ihrem Unfall hatte sie das Bewusstsein verloren und noch Tage danach unter Aussetzern gelitten. Nach der Operation an der oberen Wirbelsäule hatte sie fantasiert und wegen der Medikamente an Halluzinationen gelitten.

Waren diese Gedankenscherben zurückgekommen?

Als die zweite Woche anbrach und die Fremde schweigend beim Durchgang zur Hofstrasse stand, vertraute sich Seraina endlich ihrer besten Kollegin an.

«Vielleicht ist sie eine Randständige und auf Betteltour», sagte diese.

«Aber dann hätte sie einen Hut vor sich liegen und würde am helllichten Tag dort sein. Vielleicht auch Geige spielen. Doch nicht nachts, wenn keiner vorbeikommt.»

«Sie ist eine Hexe und du bildest sie dir bloss ein.»

«In ihrer Nähe fühle ich mich nicht unwohl. Und wenn ich ihre Augen betrachte, erkenne ich etwas, das mir vertraut ist.»

«Hast du es deinem Arzt erzählt?» Natürlich war ihr Unfall ein Thema und die Nachwirkungen waren eine logische Konsequenz davon.

«Ich halluziniere nicht, wenn du das meinst, und übergeschnappt bin ich auch nicht. Sie ist da und sieht mich mit diesen grauen, verschleierten Augen an.»

«Dann solltest du sie berühren. Reiche ihr die Hand.»

«Ich berühre doch keine Menschen, die ich nicht kenne. Ich könnte sie erschrecken. Das liegt mir fern.»

Ihre Kollegin machte sich offensichtlich Sorgen um sie und versprach, sie in einer der nächsten Nächte zu begleiten. «Vielleicht hat es eine Gruppe von diesen Halbstarken, die sich im Dorf herumtreibt, auf dich abgesehen, und die Frau dient als Köder. Du bist hübsch, du bist jung, gehörst zum Ziel ihrer Jagdgelüste. Nimm dich bloss in Acht vor denen.»

Es war wie ein Spiel zwischen ihnen. Wer würde es gewinnen?
Oder verlieren?

«Guten Abend» oder sagte man «Gute Nacht»?

Sie hatte wieder diesen langen Rock und eine helle Bluse mit Puffärmeln angezogen. Trug man denn noch solche breiten Gürtel und Schuhe mit Laschen? Ihr Haar hatte Wellen und reichte ihr bis um Kinn. Sie hatte es auf einer Seite hinter das Ohr gestrichen.

«Ist es nicht mühsam, sich jede Nacht die Beine in den Bauch zu stehen?»

Keine Antwort. Seraina wunderte es nicht einmal.

«Parlez-vous français?»

Die Frau verzog keine Miene.

«Hablas español?» Schon der Aussprache wegen hätte Seraina zumindest ein Schmunzeln erwartet. «Parla italiano?»

Keine Regung in ihrem Gesicht.

«English?»

Sie sprach nicht. Doch Seraina glaubte, ein unscheinbares Lächeln auf ihren Lippen erkannt zu haben. Anstatt sich darüber zu freuen, machte es sie zornig und hilflos und sie hätte die Frau am liebsten angeschrien und gefragt, was ihr das Recht gebe, sich so arrogant zu verhalten. Ob sie denn keine Kinderstube hatte.

Und dies gleich nochmals in Englisch.

«Allegra», sagte sie schlussendlich, ohne eine Antwort zu bekommen.

Seraina schwieg und sah sich um. Drüben beim Bahnhof warteten zwei Leute auf den Nachtbus. Auf den letzten. Vielleicht sollte sie sie zurate ziehen.

Aber sie würden sie wohl auslachen, die hysterische Frau im Rollstuhl, und sich wundern, was sie zu dieser Zeit hier zu suchen hatte. Ganz allein und unbeholfen.

«Sie ist eine Hexe und du bildest sie dir bloss ein.»

Die Frau vor der Passage gehörte mittlerweile zu Serainas nächtlichen Herausforderungen. Sie trug dieselben Kleider wie die Nächte zuvor. Den Temperaturen nicht angepasst. Oft war es kühl um diese Zeit. Seraina grüsste. Sie schwieg. Es war wie ein Spiel zwischen ihnen. Wer würde es gewinnen?

Oder verlieren?

 

 

Mam lud sie zum Mittagessen ein. Sie sahen sich selten. Mam arbeitete in der Stadtbibliothek in Chur in der Abteilung für Anglistik, war immer very busy. Die Harry Potter-Reihe hatte sie gelesen und alle die Klassiker der britischen Literatur von Jane Austen bis Virginia Woolf. Alles auf Englisch.

«Kommst du einigermassen zurecht?» Mam tischte Eintopf auf. Kochen war nicht ihr Hobby.

«Jetzt, wo ich mich an den Rollstuhl gewöhnt habe, kann ich bald zu einem Rollator wechseln, später dann zu Gehstöcken. Meine Therapeutin meint, ich solle meine Beine mehr trainieren und öfter gehen. Aber ich fühle mich einfach zu unsicher. Die Kraftübungen in der Reha reichen mir.»

«Es erstaunt mich, wie schnell du wieder zu Kräften gekommen bist. Immerhin hattest du eine Verletzung an der Wirbelsäule. Es hätte …»

«Lass gut sein, Mam. Es geht mir bestens. Und ich weiss, dass ich es schaffe.» Sollte sie Mam auf die seltsame Frau ansprechen? Du, Mam, da gibt es eine Frau, die lauert mir auf. Sie hat mir nichts zuleide getan, aber sie ist stets da, wartet bei der Passage und sagt nichts. Ich weiss nicht, ob ich mich vor ihr fürchten soll oder nicht.

Wahrscheinlich kam es ungelegen. Mam hatte immer tausend Dinge im Kopf. Sie würde sie belächeln. Das vertrug Seraina nicht.

«Sind die Schmerzen im Kopf ganz verschwunden?»

«Ich spüre sie, wenn das Wetter umschlägt.»

«Und der Schwindel? Die Gedächtnislücken?»

«Mam, lass uns über etwas Erfreulicheres reden.» Seraina fiel ein verstaubter Karton auf, dort, wo das verwaiste Katzenklo stand. «Warst du auf dem Dachboden? Die Schachtel kenne ich von irgendwoher. Da waren mal Rosen drauf, bevor sie vergilbte.»

«Dein Vater liegt mir wegen des Gerümpels dauernd in den Ohren. Er brauche Platz für seine Waffensammlung. Jetzt bin ich am Ausmisten. Ich habe mit dem Dachstock begonnen, deinen Puppenwagen, historische Fasnachtsgewänder und alte Fotos gefunden.»

Seraina rollte vom Tisch weg. «Darf ich mal?» Sie griff nach dem Karton, wuchtete ihn auf ihre Knie und hob den Deckel an. Ein Odeur aus altem Papier und Staub streifte ihre Nase. Es waren die Momente, in denen sie in der Vergangenheit schwelgte. Bilder von früher wurden lebendig. Sie als kleines Mädchen im Garten ihrer Grosseltern, wie sie hinter dem Kaninchen hergerannt war und den Gockel im Stall geärgert hatte. Sie erinnerte sich an Stauden voller süsser Himbeeren und Johannisbeeren und wie Grossmutter aus ihnen Konfitüre gekocht hatte. In schweren Einmachgläsern mit Klappverschlüssen. Es waren diese Gerüche, die in ihrem Gedächtnis haften geblieben waren – der Duft nach Bärlauch, nach Hühnermist und Haferkleie, nach handwarmen Eiern und Kirschen schon im Mai. Das war Serainas Heimat gewesen. Ihre Kindheit auf dem Land. Grossvater hatte Holzspielzeug hergestellt, ganze Häuser und Puppen, mit denen sie noch lange gespielt hatte.

Sie wühlte im Karton, vergass die Zeit, den Eintopf. An seiner Stelle dachte sie an die Maisküchlein oder den Schokoladenpudding mit Sahne. Es war, als kehrte sie zurück in ein Leben, das so voll und glücklich gewesen war, in dem die einzige Sorge den kaputten Strümpfen gegolten hatte.

«Wer ist das?» Seraina wies auf eine verblasste Sepia-Fotografie. Mit Eselsohren an den Ecken, ein wenig ausgefranst. Eine Frau um die vierzig, altbacken in ihrem langen Rock und der Bluse. Diese Puffärmel hatte sie schon irgendwo gesehen. Und die Frisur, als wäre die Frau aus einem Heimatfilm der Fünfzigerjahre gehüpft. Sie hielt eine Geige in der Hand. Seraina glaubte, die sanften Töne zu vernehmen, das filigrane Streichen über die Saiten. Sie sah in ihr Gesicht, mit den gewellten Haaren und den grauen, verschatteten Augen.

«Das ist deine Urgrossmutter», sagte Mam.

Seraina schluckte leer. Sie wusste nichts von ihr. Als sie mit achtzig Jahren gestorben war, hatte Seraina in der Wiege gelegen, kaum einen Monat alt. Es existierte ein einziges Bild von ihr, der Totenzettel, auf dem sie einen schlohweissen Dutt trug.

Sie sei eine starke Frau gewesen, sagte Mam, habe den Ersten und den Zweiten Weltkrieg erlebt und sich um Flüchtlingskinder gekümmert, die aus Deutschland zu ihr gekommen waren. Später habe sie eine Bibliothek eröffnet und die Menschen zum Lesen guter Bücher angehalten.

Serainas Herz klopfte. Heute Nacht würde sie ihr wieder begegnen und sie mit anderen Augen sehen.

Serainas Herz klopfte. Heute Nacht würde sie ihr wieder begegnen und sie mit anderen Augen sehen.

Sie platzte vor Ungeduld. Ausgerechnet heute bekam sie um punkt zwölf eine Bestellung aus Zimmer vierzehn. Es brauchte Nerven, dem französischen Gast zu erklären, dass die Maluns nicht auf der Mitternachtskarte standen. Und Überredungskunst, ihn zu überzeugen, eine Käseplatte mit Brot sei ebenso lecker. Seraina musste zweimal in die Küche und wieder zurückfahren, bis der Herr zufrieden war. Zuletzt hatte sie ihm einen teuren Wein gebracht und gehofft, dass er sich bis zum Umfallen betrinken möge – dieser Monsieur.

Fünf Minuten nach halb eins verliess Seraina das Hotel. Sie fuhr über die Promenade, schneller als je zuvor. Ihre Arme schmerzten ob der immer gleichen Bewegung, wenn sie die Räder des Rollstuhls ankurbelte. Der Himmel über ihr schien heller als in anderen Nächten, obwohl der Mond sich von der dunklen Seite zeigte.

Heute würde sie mit ihr sprechen und sie umarmen. Ihre Urgrossmutter, die aus irgendeinem Grund hier aufgetaucht war. Vom Jenseits ins Diesseits.

Seraina wollte es nicht zulassen, an ihrem eigenen Verstand zu zweifeln. Egal, ob sie sich alles nur einbildete oder nicht. Es war das süsse Herzflattern und diese plötzliche Schwerelosigkeit, die sie nicht mehr losliessen.

 

 

Die Passage vor der Hofstrasse wie immer um diese Zeit von diffusem Licht beschienen. Das Ende des Tunnels düster und unheimlich. Serainas Blick ging ins Leere. Keine Frau an der Ecke, keine grauen Augen, kein Lächeln auf vergilbten Sepia-Lippen. Die Furcht war verschwunden, auch das starke Gefühl der Zusammengehörigkeit.

Waren die verlorenen fünf Minuten massgeblich für ihr Ausbleiben?

Sie rief nach ihr, nannte ihren Namen. Die Frau blieb verschollen.

Seraina wendete den Rollstuhl, fuhr zurück durch die Passage, hinauf zum Bahnhof bis zum Aufzug, der sie zur Promenade brachte. Sie warf einen Blick nach unten, dorthin, wo das Restaurant Alte Post im Dunkeln lag.

Sie fuhr bis zur Confiserie Schneider. Die Frau war nirgends, ihre Urgrossmutter. Auch der Buchladen blieb leer. Einsam beugten sich die Strassenlampen beim Fussgängerstreifen zum Hotel Belvédère. Seraina gelangte zur Ecke neben dem Kirchner Museum und von dort zur Boutique, wo sie früher einmal eine Jeans gekauft hatte. Sie fuhr den gleichen Weg zurück, auf dem sie gekommen war. Rief erneut nach ihrer Urgrossmutter und weinte, als sie sie nicht fand. Die Kraft in ihren Armen hatte nachgelassen. Ihre Beine fühlten sich anders an als üblich. Sie wollte aufstehen, schaffte es nicht. Tränen rannen ihr über das heisse Gesicht.

Hätte sie sie nur früher richtig angesprochen, anstatt vor Furcht fast in die Hose zu pinkeln. Wie hatte sie auch glauben können, die Frau wäre in böser Absicht hier?

Sie rief nach ihr, nannte ihren Namen. Die Frau blieb verschollen.

Ein Martinshorn durchdrang die Nacht, ein zweites Horn setzte ein, tiefer und klangvoller als das erste, bedrohlicher. Minuten später war das Dorf erfüllt von schauderhaften Klängen. Sirenen aus allen Himmelsrichtungen.

Die Welt war im Begriff unterzugehen.

So fühlte es sich an. Es war, als kämen von überall her die Menschen aus ihren Häusern. Wie Marionetten bewegten sie sich Richtung Bahnhof. Schwarzen, sonderbaren Gestalten gleich, als folgten sie einer einzigen Aufforderung.

Seraina getraute sich nicht zu fragen, was geschehen war. Ein seltsames, gar angstvolles Gefühl bemächtigte sich ihrer. Sie hatte die Passage erreicht.

Über ihr brannte der Himmel.

Ein heller Schein hatte sich über dem Ort ausgebreitet. Es roch nach verkohltem Holz. Seraina starrte in die Strasse. Dort, wo sich ihr Weg nach Hause befand, loderten die Flammen. Graue Rauchsäulen stiegen in den Himmel, verwandelten ihn in eine Hölle.

Jemand hielt Seraina auf, ein Feuerwehrmann, der den Platz mit Flatterbändern absperrte. «Sie können da nicht durch.»

«Was ist passiert?»

«Die Brücke ist eingestürzt, infolge einer Explosion.»

Ungläubig starrte Seraina in die emporwachsenden Flammen.

War es ein Traum? Eine von diesen beklemmenden Visionen, die sie nach dem Aufwachen aus der Narkose erlebt hatte?

Es war, als spürte sie die sengende Hitze auf ihrem Gesicht. Ein Glutregen ging auf das Landwasser nieder, verwandelte den Fluss in einen Lavastrom.

Die Feuerwehr hatte die Wasserschläuche ausgefahren. Wie gefrässige Schlangen wanden sie sich in den Händen der Feuerwehrmänner.

«Seit wann?»

«Um 00.50 Uhr erreichte uns die Meldung, von einer Anwohnerin. Zum Glück befand sich um die Zeit niemand auf der Brücke. Die Person hätte es wohl nicht überlebt.»

Seraina spürte, wie sie zitterte.

 

Die Frau in der Passage sah sie nie wieder. Ihre Urgrossmutter war für immer verschwunden.

 

 

Silvia Götschi verdient ihr Geld mit Mord und Totschlag. Sie gehört zu den erfolgreichsten Krimiautorinnen der Schweiz und ist vor allem für ihre Regionalkrimis bekannt, die unter anderem in Davos, Schwyz, Uri und Luzern spielen.

Dieser Text erschien im DAVOS FESTIVAL Magazin 1/22.

Titelbild: Destination Davos Klosters / Marcel Gyger
Illustrationen: iStock / Lucas Mösch