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von Sophie Emilie Beha

«Pseudonyme sind wie kleine Menschen. Es ist gefährlich, Namen zu erfinden, sich für jemand anders auszugeben, Namen anzulegen – ein Name lebt», schrieb Kurt Tucholsky. Der Journalist und Schriftsteller veröffentlichte übrigens selbst Texte als Peter Panter, Theobald Tiger und Ignaz Wrobel. Pseudonyme sind wohl am geläufigsten im Feld der Literatur. Bekannte Beispiele: Mark Twain und Paul Celan (der Nachname ist ein Anagramm seines Geburtsnamens Ancel), oder Günter Grass sowie Hans Magnus Enzensberger, die auch unter Pseudonym veröffentlichten. «Man darf niemals etwas unter seinem eigenen Namen herausgeben», warnte der Essayist und Philosoph François-Marie Arouet – bekannt als Voltaire – und trieb es selbst gleich auf die Spitze: Er soll sich hinter etwa 160 verschiedenen Decknamen verborgen haben.

«Pseudonym» kommt aus dem Griechischen: pseudo «falsch» und ónoma «der Name», also: der falsche Name. Er kann Schutz, Tarnung, Maske, Spiel, Spleen, Laune oder Eskapade sein. Auch in der Gegenwart – analog wie digital – kreisen zahlreiche Debatten um wahre und gefälschte Identitäten. Die Netzkultur hat Menschen lange Zeit ermutigt, sich Spitznamen oder Nutzernamen zuzulegen. Also Pseudonyme, die mal einen und mal keinen Bezug zur echten Person und der Offline-Identität haben. In den sozialen Netzwerken tendieren zunehmend interne Richtlinien und Leitfäden, aber auch die Gesetzgebungen und Rechtsprechungen einzelner Länder dazu, Realnamen verpflichtend zu machen. Gleichzeitig nehmen in vielen Ländern die Gründe für Pseudonyme zu.

Aber warum nehmen Menschen überhaupt ein Pseudonym an? Pseudonyme schützen. Manche Menschen haben die Sorge, dass ihr Leben oder ihre Existenzgrundlage bedroht werden – wie beispielsweise Opfer von häuslicher Gewalt, Stalking oder Vergewaltigung. Aber auch Aktivist:innen, Sexarbeiter:innen oder James Bond nutzen Pseudonyme, um sich zu schützen. Ausserdem hat ein Pseudonym politische Vorteile: Im Fall von «Publius» wurde es in den 1780er-Jahren genutzt, um in den «Federalist Papers» (einer Artikelserie in New Yorker Zeitungen) die Bevölkerung von der amerikanischen Verfassung zu überzeugen. Auch im England des 18. Jahrhunderts griff ein «Junius» im Public Advertiser in die politische Debatte ein.

«Pseudonym» kommt aus dem Griechischen: pseudo «falsch» und ónoma «der Name», also: der falsche Name.

Natürlich kann auch Geld eine Rolle spielen. So bietet ein Pseudonym ökonomische Vorteile. Die selbstgewählten Namen lassen sich leichter schreiben und merken und verkaufen sich besser. In der Popmusik ist das Pseudonym gang und gäbe: Lady Gaga ist viel einprägsamer als Stefani Joanne Angelina Germanotta. Hier geht es auch um eine künstlerische Strategie, Reichweite, Publikum und Aufmerksamkeit. In der Pop-Industrie wählt oft nicht die Künstlerin ihr Pseudonym, sondern ihr Management. Kein Wunder, dass Pseudonyme deshalb häufig an Markenrechte und juristische Fragen geknüpft sind.

Bei Komponist:innen ist das anders. Die Nische ist so klein, dass man keinen marktgängigen Namen haben muss. Trotzdem tauchen auch hier – aus den verschiedensten Gründen – Pseudonyme auf. Ein paar Beispiele: Kees Vlak nannte sich Alfred Bösendorfer, Luigi di Ghisallo oder Llano. Lars Petter Hagen hat ein paar Jahre Werke als Nora Wjech, Eliza Weizenbaum und Max F veröffentlicht und mit diesen Alter Egos Preise gewonnen. Heute geben sich Martin Kopitz als Mia Brentano, Tomasz Praszczałek als Prasqual und Harald Kolasch als Anthony Kosko oder Alex Töning aus. Oft wurde und wird ein ausländisch klingender Name gewählt, um Marktvorteile zu haben. Wählen Männer einen Frauennamen, fällt auch darunter: Geschlechtertausch aus kommerziellem Kalkül. Im Überangebot des Musikmarkts erregt eine vermeintlich junge Frau eher Aufmerksamkeit als der typische mittelalte weisse Mann.

Für Männer ist ein Pseudonym mehr Spielerei als Ernst. Frauen waren hingegen jahrhundertelang gezwungen, sich als Männer zu tarnen, wenn sie ihre Kunst veröffentlichen wollten. Die Brontë-Schwestern publizierten als Currer, Ellis und Acton Bell, Mary Anne Evans wurde zu George Eliot, Amantine Aurore Lucile Dupin de Francueil nannte sich George Sand, Willy stand auf den Buchcovern von Colette. Schriftstellerinnen, Malerinnen und Komponistinnen publizierten ausserdem ihre Werke oft unter den Namen ihrer Ehemänner. Das gesellschaftlich höchste Ziel des weiblichen Strebens war schliesslich das Leben als treue Ehefrau und aufopfernde Mutter.

Die in der Gesellschaft bestimmenden Männer sprachen Frauen schlicht die Fähigkeit zum Genie ab: Ein weiblicher Mozart, Beethoven oder Bach? Undenkbar! Weil Frauen keine Kreativität zugetraut wurde, veröffentlichten sie ihre Werke oft unter männlichen Pseudonymen. Und das schon seit jeher. Bereits in der Antike veröffentlichte eine Malerin und Komponistin ihre Werke unter verschiedenen Namen, darunter V, Viola Torros, Viola Swara und Swara. Anders als ihre Zeitgenoss:innen war sie offenbar nicht daran interessiert, ihre Arbeit einer Göttlichkeit zu widmen. Der Name Torros war wahrscheinlich eine Anspielung auf das Konfekt Turrón. Es wird aus Honig, Zucker, Eiweiss, gerösteten Mandeln und Nüssen hergestellt.

Aber auch Aktivist:innen, Sexarbeiter:innen oder James Bond nutzen Pseudonyme, um sich zu schützen. Ausserdem hat ein Pseudonym politische Vorteile.

Die 1858 in Paris geborene Komponistin Mélanie Hélène Bonis veröffentlichte die meisten ihrer knapp 300 Werke unter dem geschlechtsneutralen Pseudonym Mel Bonis. Obwohl sie durchaus angesehen war: Sie studierte am Pariser Konservatorium in der gleichen Klasse wie Claude Debussy Komposition, ausserdem Harmonielehre und Klavierbegleitung. Bonis schlug sich so gut, dass sie eine Reihe von Preisen und Auszeichnungen bekam und sogar fast für den Prix de Rome vorgeschlagen wurde. Aber eben nur fast.

Die Komponistin Rebecca Clarke veröffentlichte zwar nur ihr 1918 uraufgeführtes Werk «Morpheus» für Bratsche und Klavier unter dem Namen Anthony Trent, allerdings wurde es dafür sofort euphorisch von der Presse gefeiert, die konsequent den männlichen Namen verwendete – auch nachdem die eigentliche Komponistin bekannt wurde. Die Bratschensonate, die Clarke anonym bei einem Wettbewerb eingereicht hatte, wurde für ein Werk von Maurice Ravel gehalten. Clarke selbst amüsierte sich über eine Meldung des Daily Mirror: «Das Komischste war eine Zeitungsmeldung, in der jemand äusserte, dass ich nicht wirklich existiere, dass es eine Person namens Rebecca Clarke nicht gäbe, sondern dass der Name ein Pseudonym sei für Ernest Bloch.»

Régine Wieniawski wurde 1879 als Tochter des polnischen Geigers und Komponisten Henryk Wieniawski in Brüssel geboren. Als sie zehn Monate alt war, starb ihr Vater. Mit zwölf fing sie an, am Brüsseler Konservatorium Klavier und Komposition zu studieren. Als Régine mit 16 Jahren mit ihrer Mutter nach London zog, hatte sie bereits mehrere eigene Werke öffentlich aufgeführt. In London veröffentlichte sie einige Frühwerke unter dem Namen Irène Wieniawska. Im Jahr 1901 heiratete sie Sir Henry Dean Paul und nahm die britische Staatsbürgerschaft an. Ihr Mann gab Liederabende unter dem Namen Edward Ramsey, begleitet von seiner Frau, die nun als Pianistin und Komponistin das Pseudonym Poldowski annahm. Der androgyne Name zollte ihrer polnischen Herkunft Tribut und verhalf ihr gleichzeitig zu grösserer Anonymität.

Mit zarten Nuancen, Klangmalerei und subtilen Veränderungen in Harmonik und Melodik ist Poldowskis Musik eindeutig französisch geprägt, beeinflusst von Gabriel Fauré und Claude Debussy. Der hochromantische Stil des Fin de Siècle ist besonders in früheren Werken hörbar. Poldowski hat auch Orchester- und Bühnenwerke komponiert, ist aber vor allem als Liedkomponistin bekannt, insbesondere für Vertonungen von Paul Verlaine. Im Juli 1912 gab sie in der Aeolian Hall in New York ein Konzert mit diesen Verlaine-Liedern und ihrer Sonate für Violine in d-Moll, die sie selbst am Klavier begleitete. Ihr Spiel wurde gelobt, die Sonate weniger.

Neben ihrer internationalen Karriere pflegte Poldowski ein exzentrisches Leben, war Stammgast der Londoner Partyszene und eröffnete eine Haute-Couture-Boutique, in der sie Kreationen für die britische Königsfamilie herstellte. Poldowski starb am 28. Januar 1932 in London an einem Herzinfarkt, sie war 52 Jahre alt.

 

 

Sophie Emilie Beha ist multimediale Musikjournalistin. Sie ist Autorin und Moderatorin für verschiedene öffentlich-rechtliche Sender. Daneben schreibt sie regelmässig für die taz, verschiedene Fachzeitschriften und Online-Magazine. Auf Bühnen sowie vor der Kamera moderiert sie Festivals, Konzerteinführungen, Podcasts und Podiumsdiskussionen. Daneben ist sie Dramaturgin für das Sänger:innenkollektiv PHØNIX16 in Berlin und Mitglied im experimentellen Vokalensemble Γλωσσα.

Dieser Text ist im DAVOS FESTIVAL Magazin 2/22 erschienen.