e

 

Liebe Frau Casaulta

Diese Woche bei unserem Gespräch, Sie waren so freundlich und grosszügig, mir Ihre Zeit zu schenken, fiel alles ineinander zusammen, wie ein Kartenhaus. «Hat nichts Hand und Fuss», musste ich mir eingestehen. «Du hast Dich getäuscht. Selbst und vorsätzlich, um einen Deiner inneren Hampelmenschen zu befriedigen.»

Frau Casaulta, ich spüre einen Drang, Sie mit meinem Sein zu behelligen. Unkontrollierbar. Bitte verzeihen Sie mir das. Die Hunde liegen begraben, ich weiss. Wenn ich nur wüsste wo. Seit Jahren bin ich auf der Suche nach diesem Gräberfeld.

Natürlich frage ich mich, ob es angebracht ist, Ihnen abermals einen zusammenhanglosen Wust an Worten zuzumuten. Öffne ich damit nicht weiteren Missverständnissen und Täuschungen Tür und Tor? Das Ganze ist mir ein Terrain grösster Unsicherheiten. Mein Weg übersät von Selbstlügen. Wenn ich wüsste, was unter meinen Zeilen liegt, ich hätte nie zu Papier gegriffen. Betrachten Sie es als letzten Versuch, zu ordnen.
Ihre Gutmütigkeit, Frau Casaulta, Ihre Ruhe, Ihr Blick, Ihr Lachen, Frau Casaulta, darin liegt alles. Sie sind ein Schiff.

Ordnen. Ich beginne random. Beim Kardiologen: Er hat mir in die Pumpe geguckt. Mit Ultraschall. Keine Unregelmässigkeiten. Meine Herzklappen klatschen den Takt von «We will, we will rock you». «Keine Auffälligkeiten», sagte der Herr Doktor, «möchte Sie aber dennoch verkabeln.» Ich liess ihn tun. Und so war ich eingebunden, vorübergehend. Seither habe ich es schwarz auf weiss: Mein Herz, Frau Casaulta, ist frei. Was, wenn auch Ihres dies wär!

«Die Dinge werden mit zunehmendem Alter komplizierter», sagten Sie. Sie haben recht. Aber mit diesem Ihrem Manifest war ich nach Ihrem Besuch auch schon am Ende meines Lateins.

Was bringt mich dazu, Ihnen jetzt noch einmal mit meinen Herzensangelegenheiten zu kommen? Sie waren doch deutlich genug in Ihrer Botschaft! Sie sagten, wo Sie stehen, was Sie wünschen, wovon Sie träumen. Sie waren klar und deutlich. Auf einer Sachebene unbedingt. Ich habe Ihnen zugehört, registriert. Sie sind nicht frei. Das weiss ich. Sie sind verwickelt in den Lauf Ihres Lebens. «Die Dinge werden mit zunehmendem Alter komplizierter», sagten Sie. Sie haben recht. Aber mit diesem Ihrem Manifest war ich nach Ihrem Besuch auch schon am Ende meines Lateins. Es ist kein Begehren meinerseits da, glauben Sie mir, es ist viel grösser. Es ist – Sie gehen lassen. Es ist Abschied. Und nicht von Ihnen, Frau Casaulta. Es ist Abschied von meinen Vorstellungen. Von meiner Illusion. Das ist die Enttäuschung.

Und dennoch, spiele ich mir bereits erneut etwas vor, mit unvorstellbarer Glaubhaftigkeit. Ich kann nicht wahrhaben, was ist. In jedem Ihrer Worte höre ich mehr, als Sie mir jemals hätten sagen wollen. Sie sind ein Tanker. Und ich wäre gern der Suez-Kanal. Ein Bauwerk von Tragweite. Für einmal wenigstens.

Meine verschobene äussere Wahrnehmung gründet mit Sicherheit auf inneren Verschiebungen. Die Dinge sind eingerastet in einem Kontext grosser Wirrnis. Ich wünsche mir so sehr, dass sich noch einmal alles verschiebt. Nur schon Ihr Blick, Frau Casaulta, ordnet alles neu.

Es fielen viele Münzen in meiner Unruhe. Ich suchte das Orakel, die Offenbarung. Die innere Rückbindung. Und das Orakel sprach von Reis, allerhand Opfern und einem weissen Pferd. Und am selben Tag wie Sie unerwartet neben dem Hühnerstall auftauchten, hatte ich eine Pfanne Reis gekocht, und bevor Sie in meinen Garten traten, schritt ein Apfelschimmel am Haus vorbei. Himmel und Erde nehmen ihren Lauf, während ich versuche, die Zeiten zu ordnen. Sie kamen, Sie lachten, Sie schauten, legten Ihre Stirn auf meinen Handrücken. Ich wage immer noch zu glauben.

Ich habe geträumt nach Ihrem Besuch, und in meinem Traum, Frau Casaulta, schwör ich, sass ich auf dem Rand meiner Iris und schaute nach innen hinab ins Schwarz. Es war weit. Ein Universum. Am inneren Himmel erkennbar die Zeichen der Sterne. Auf dem Rand der Iris sass ich wie der Mann im Mond. Auf dem Rand der Iris scheiden sich die Welten. Innen schwarz. Aussen Diesseits. Und ich wandte den Blick. Nach dahin, wo alles bunt und erfassbar. Und es begriff. Wir sehen nur den kleinsten Teil. Von. Allem.

Sie befuhren mich! Und ich dachte, Frau Casaulta kehrt immer wieder zurück, wie eine Fähre.

Glauben Sie mir. Wachheit und Träume hielten sich bei mir, seit wir uns wieder begegnet sind, die Waage. Und ich hatte die feste Überzeugung, in den Träumen läge ebenso viel Wahrheit wie im Gewirr des täglichen Gedankenstroms. Aber auch darin habe ich mich getäuscht. Meine Träume schwemmten mir sehr viel mehr Wahrheit an den Tag als mein Wachzustand.

Ihr Vorwärtsdriften, Frau Casaulta, wühlt mich auf! Ihre Hände auch. Wenn Sie sich damit über die Nase fahren. Gewissermassen, ja, setzten Sie über mich hinweg. Sie befuhren mich! Und ich dachte, Frau Casaulta kehrt immer wieder zurück, wie eine Fähre.

Ich versuchte mir nach Ihrem Besuch vorzumachen, dass alles in Ordnung sei. Ging gestern Abend im Sturm zu Bett. Schreckte aber mitten in der Nacht auf. Der Wind rüttelte heftig an den Fensterläden. Ich nahm ein Licht, Stift und Papier, zog mir eine warme Jacke über und begab mich in der Dunkelheit hinaus in den Garten, setzte mich ins Hühnerhaus. Da sitze ich noch immer.

Mittlerweile dämmert es. Auch mir. Der Sturm hält an. Im Dunkeln sitzen meine drei aufrichtigen Hühner auf der Stange. Ich habe sie aufgeschreckt. Sie gackern im Halbschlaf. Und ich glaubte, in ihrem Gackern Fragen zu hören. Fragt das braune Huhn: «Was sind sinnvolle Zufälle?» Ruft das schwarze: «Ja!» und fragt: «Was will uns noch ins Leben kommen?» Derweil das dritte ins Dunkel starrt: «Warum eigentlich stand gestern auf dem Zifferblatt der Unzeit ‹in caso di neve›?», hör ich es sagen. Warum eigentlich? Ich weiss, dass Sie dem auf den Grund gehen würden. Mit Wörterbuch und Echolot.

Was will uns noch ins Leben kommen, Frau Casaulta, zu dieser Unzeit? Es ist da kein Begehren mehr. Das Begehren ruht. In meinem Innern dröhnt die Ruhe, laut wie ein Berg auf offener Ebene im Wind. Und mit grösster Wahrscheinlichkeit bezeichnet das alles im Grunde nur ein Teilereignis. Der Sturm hat mein Ohr geläutert. Ich höre neuartige Dinge. Höre, was die Schildkröten im Winterschlaf träumen –. Sie träumen von einem Verbot, Oktaven zu schreiben.

Die Läuterung begann gestern Abend, als die Katze versuchte, das Küchenfenster zu öffnen, und der Hund von sich aus sieben gute Gründe vorbrachte, nach denen es sich lohnt, noch ein bisschen zu bleiben.

Und durch den Sturm höre ich auch den Hund im Schlaf im Wohnzimmer raunen: «Wir streben ein materielles Ereignis an.» Und weiter noch raunt er: «Endlich ist das Gehirn kleiner geworden.» Soll einer verstehen!

Liebe Frau Casaulta. Die Läuterung begann gestern Abend, als die Katze versuchte, das Küchenfenster zu öffnen, und der Hund von sich aus sieben gute Gründe vorbrachte, nach denen es sich lohnt, noch ein bisschen zu bleiben. «Erstens», sagte der Hund, «lohnt es sich hierzubleiben, wegen des Lichts der drei Tage alten Sichel im Mond. Zweitens, wegen der Kirschblüten im Fenster. Drittens, wegen meines bizarren Hundeschattens auf der Strasse an kalten Nachmittagen. Viertens, wegen der Gesänge des Windes in den Leitplanken. Fünftens, wegen der Katze, die versucht, das Fenster zu öffnen. Sechstens, wegen des Kindes, das im Spiel die vergeblichen Versuche der Katze, das Fenster zu öffnen, nachstellen wird. Siebtens, wegen des Philodendrons, der mit seinen Luftwurzeln in der Arvenstube hinter das Täfer greift, und auch noch wegen der keimenden Bohnen in dessen Schoss.» Dies alles sagte der Hund gestern. Und sagte auch noch: «Das Dasein ist ein Teilereignis einer Oktave.»

Die Schildkröten müssen aufgrund des Wintereinbruchs noch einmal in einen tiefen Schlaf verfallen sein: «Warum sind wir noch nicht die, die wir sind?», träumen sie. Ich kann das hören. Und im nächsten Augenblick träumen sie fort: «Gut. Wir haben das Verstehen aufgegeben.»

Frau Casaulta, Sie sind ein Floss. Bei Bedarf bin ich Ihr Ruder.

Glauben Sie mir. Das ist meine ganze Wahrheit. Ich habe mir etwas vorgemacht: You are always on my mind. Aber glauben Sie mir, aus meinem Hühnerhaus lässt sich ein Boot bauen. Wir können miteinander der Datumsgrenze entlang segeln. Die Zeit nicht mehr vergehen lassen. Solange die Schildkröten träumen, ist auch das möglich. In unseren Augen, Frau Casaulta, ich schwör’s, verlieren wir uns. Finden wir uns.

Ihr B.

 

 

Ursina Trautmann ist Journalistin, Autorin und Slam Poetin. Sie war im Tessin und in der Westschweiz Korrespondentin für Tageszeitungen und die sda. Seit 2011 lebt sie als freie Journalistin und Autorin mit ihren Töchtern in Graubünden und schreibt für Zeitschriften, Bücher und die Bühne.

Dieser Text ist im DAVOS FESTIVAL Magazin 2/22 erschienen.