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«Erzähl mir keine Märchen!» Wer das sagt, der meint: Lüg mich nicht an. Oder: Übertreib nicht. Oder: Ich glaube nicht an ein Happy End. Märchen, so scheint es, sind eine naive Angelegenheit, mit der man höchstens noch Kinder erreichen und beeindrucken kann, aber auf fragwürdige Weise, denn die Wahrheit – über den Lauf der Welt – scheint sich durch Märchen eben gar nicht mitzuteilen. Trotz dieser vermeintlichen Schwächen lieben die Menschen Märchen, und zwar Menschen aller Kulturen und aller Zeiten. Warum ist das so?
von Christina Rietz

Zunächst eine kleine Definition. Das Wort Märchen ist die Verkleinerungsform des mittelhochdeutschen maere, womit eine Erzählung, ein Bericht oder eine Geschichte gemeint war. Eine der berühmtesten Stellen mittelhochdeutscher Literatur enthält sogar das Wort maere:

Uns ist in alten mæren / wunders vil geseit
von helden lobebæren / von grôzer arebeit,
von fröuden, hôchgezîten, / von weinen und von klagen,
von küener recken strîten / muget ir nu wunder hœren sagen.

Das ist die erste Strophe des Nibelungenlieds aus dem 13. Jahrhundert, das Richard Wagner später zu seinem Ringzyklus inspiriert hat. Auf Neuhochdeutsch übersetzt lautet diese Strophe so:

Uns wird in alten Erzählungen viel Wunderbares berichtet: Von berühmten Helden, grosser Mühsal, von glücklichen Tagen und Festen, von Tränen und Klagen und vom Kampf tapferer Recken könnt Ihr jetzt Erstaunliches erfahren.

Ist es nicht in den kleinen maeren, den Märchen, genauso? Es gibt Helden und Tränen, Kämpfe auch, schöne und gefährliche Feste – und vor allen Dingen sind Märchen genau das: erstaunlich und wunderbar. Wunderbar in dem Sinne, dass sie die Naturgesetze gelassen ignorieren. Tiere können sprechen, Gold regnet vom Himmel, Menschen fallen in einen todesähnlichen Schlaf, nur um hundert Jahre später geweckt zu werden, Frösche verwandeln sich in Königssöhne, adoleszente Mädchen hacken sich Körperteile ab und leiden nicht darunter, und Brote beginnen zu sprechen, wenn ihre Bäckerin ihr Federbett schüttelt, auf dass es in der Welt schneie. All dies muss man zunächst akzeptieren lernen, wenn man als Erwachsener wieder Märchen liest. Den Satz «das kann ja gar nicht sein» sollte man sich gleich abgewöhnen, sonst frustriert die Lektüre. Ausserdem: In anderen, moderneren und uns mittlerweile geläufigeren Genres funktioniert dieses Akzeptieren ja auch. In Science-Fiction-Filmen finden beispielsweise Weltraumschlachten statt, die das dortige allumfängliche Vakuum so gar nicht erlaubt. Menschen können entgegen den Gesetzen der Physik von einer an die andere Stelle befördert, «gebeamt» werden und so weiter.

In dieser Hinsicht sollte man also alle intellektuellen Einwände Märchen gegenüber ignorieren. Das heisst aber nicht, dass man bei der Lektüre nichts deuten, lernen oder eruieren kann. Denn Märchen folgen oft festgelegten Strukturen. Ihre Protagonisten sind keine Individuen, deren Handlungen logisch motiviert wären und psychologisch unterfüttert. Die Literaturwissenschaft nennt solche Figuren Typen. Bekannt sind solche Typen vor allem aus der italienischen Commedia dell’Arte aus Renaissance und Barock. In jedem dieser Stücke treten dieselben Figuren mit stereotypen Eigenschaften auf: der Doktor, der Clown, die Magd, der Soldat, der reiche Kaufmann und andere mehr. Auch im deutschen Märchen gibt es solche Typen: der Held und sein Gegenspieler, Prinzessinnen, Feen und Hexen, Könige, Mütter und vor allem Stiefmütter, Riesen und natürlich Tiere, gute wie böse. Auch «Trickster», die Erweiterung der traditionellen Schelme, existieren in der Märchenwelt; das sind Figuren, die schlau die herrschende Ordnung unterlaufen, durch (eben) Tricks und unorthodoxes Verhalten. Dieser Figurentypus ist in der ganzen Literaturgeschichte sehr beliebt. Schon in der griechischen Antike kommt er vor, als Prometheus zum Beispiel oder als Hermes. Heutzutage kann man eine Figur wie Bugs Bunny zu den Trickstergestalten zählen.

Tiere können sprechen, Gold regnet vom Himmel, Menschen fallen in einen todesähnlichen Schlaf, nur um hundert Jahre später geweckt zu werden…

Es ist also eine Zauberwelt, in die man eintritt, wenn man als Erwachsener wieder Märchen liest. Natürlich geht es in dieser Zauberwelt weder friedlich noch auch nur angenehm zu, das wissen wir alle. Sehr oft werden unschuldige Mädchen im Märchen zu Opfern, so auch im vielleicht berühmtesten, dem Aschenputtel. Diesem Mädchen hat die niederländische Komponistin Mayke Nas ihr Stück Cinderella für High Heels (Konzert am 17. August) gewidmet. Das kleine Aschenputtel gerät unverschuldet in eine Notlage, seine Mutter stirbt und die neue, natürlich eine böse Stiefmutter, hält sie klein. Aschenputtel muss neben dem Herd in der Asche schlafen, obwohl sie sich nichts zuschulden hat kommen lassen. Mit ihren leiblichen Töchtern, die charakterlich eher verdorben sind, verfährt die (Stief-)Mutter ganz anders. Glücklicherweise tritt irgendwann ein Königssohn auf den Plan, der heiraten will, und nach einigen Irrungen und Wirrungen wird Aschenputtel für seine Leiden entlohnt; der Prinz lässt nicht locker, bis er Aschenputtel einwandfrei identifiziert hat und sie schliesslich zur Frau nimmt. Die Brüder Grimm, wir werden noch auf sie zu reden kommen, haben es in einer späteren verschrifteten Version dieses Märchens nicht bei diesem Happy End belassen. Als der Königssohn in jener jüngeren Version das Aschenputtel zum Altar führt, hacken Vögel den beiden bösen Stiefschwestern Aschenputtels zur Strafe jeweils ein Auge aus. Wie grausam! Wie grausam ist Aschenputtels schuldloses Leiden und wie grausam ist diese invasive körperliche Strafe!

Dass es von Märchen verschiedene Versionen gibt, siehe oben, ist der mündlichen Tradierung geschuldet. Denn bevor Charles Perrot in Frankreich und die Brüder Grimm in Deutschland auf den Plan traten und die Geschichten verschrifteten, die sie sich erzählen liessen, wurden die Märchen in Mitteleuropa eben nur erzählt und so von Generation zu Generation weitergegeben. Noch heute existieren verschiedene Versionen derselben Märchen nebeneinander, je nachdem, welche Familie sie weitergibt. Moral und Strafe, wie in Aschenputtel, haben die Brüder Grimm im Laufe der Jahrzehnte immer mal wieder angepasst. Ihr erstes Märchenbuch erschien im Jahr 1812, die letzte Überarbeitung, die Ausgabe letzter Hand, wurde erst 1857 veröffentlicht. Es gibt also eigentlich die definitive Version eines deutschen Märchens gar nicht, es gibt nur das, was den Grimm-Brüdern, den ersten ernsthaften Germanisten, als eine brauchbare Version erschien.

Dann wird es symbolisch interessant: Rotkäppchen pflückt Blumen – und seit Anbeginn der europäischen Literaturgeschichte stehen Blumen für körperliche Liebe.

Deshalb sind unsere Märchen Kinder des 19. Jahrhunderts. Ganz besonders merkt man das einer weiteren weltberühmten Geschichte an, dem Rotkäppchen. In diesem Märchen hört das Mädchen, Rotkäppchen, nicht auf seine Mutter, die das Kind davor warnt, auf dem Weg zur Grossmutter den Wald allein zu betreten. Der Wald galt spätestens seit dem Mittelalter als sogenannter anderer Ort, als Wildnis im Gegensatz zur Siedlung, in dem geschehen konnte, was einem in der hellen, erlaubten Welt niemals widerfahren würde. Rotkäppchen trifft auf einen sprechenden Wolf, der es in den Wald hineinredet. Dann wird es symbolisch interessant: Rotkäppchen pflückt Blumen – und seit Anbeginn der europäischen Literaturgeschichte stehen Blumen für körperliche Liebe. Werden sie gebrochen, ist das ein Zeichen für die – Philologensprache – Defloration der Protagonistin, den Verlust der Jungfräulichkeit. Wer als Hörerin des Märchens dieses Symbol zu deuten wusste, der war klar, dass der böse Wolf eigentlich ein böser Mann war und die Moral von der Geschicht’ lautete: Mädchen, geh nicht mit fremden Männern mit, sonst geschieht das Ungeheure. Eine solche Warnung musste dem aufstrebenden (Spiess-)Bürgertum des 19. Jahrhunderts gut gefallen. Die Frage also, warum in Märchen gelogen, geflunkert, übertrieben wird, warum beispielsweise Tiere sprechen können, kann man so beantworten: Damit spielerisch mitgeteilt werden kann, was sich im Unterbewusstsein der oft jungen Hörerschaft festsetzen sollte: Warnungen vor dem Bösen schlechthin, Aufrufe zum Gehorsam, zur Duldsamkeit, zur Ehrlichkeit. Und natürlich die alte Hoffnung: Dass am Ende alles gut werde. Dass sie lebten happily ever after, heureux jusqu’à la la fin des temps, glücklich bis an ihr Lebensende.

 

 

Christina Rietz hat Germanistik, Anglistik und Geschichte in Köln und Cambridge studiert. Sie arbeitet als Redakteurin bei der Religionsbeilage der ZEIT, Christ & Welt, schreibt aber auch für andere Ressorts der ZEIT, am liebsten über Musik. Nomination für den Deutschen Reporterpreis in der Kategorie Kultur 2018 und 2021.

Dieser Text ist im DAVOS FESTIVAL Magazin 2/22 erschienen.