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Seit Jahrzehnten präsentieren die Wiener Philharmoniker ihrem Publikum zum Jahreswechsel ein ausgelassenes Programm, in dem der Radetzky-Marsch nicht fehlen darf. In Venedig hingegen spielt das Orchester des Teatro La Fenice alljährlich den Gefangenenchor aus Nabucco und das Trinklied aus der Traviata von Giuseppe Verdi. Und in Davos? Dort steht 2023 die ungewohnte Kombination aus Perkussion und Akkordeon im Rampenlicht.
Richtig gelesen. Ganz in der Tradition des DAVOS FESTIVAL erklingen auch am ersten Tag des neuen Jahrs selten gehörte Töne, gespielt von fulminanten jungen Instrumentalisten und Instrumentalistinnen. Originale Musik trifft auf barocke Transkriptionen, Trommeln treffen auf Tasteninstrumente.
von Marco Amherd

 

Handorgel, Quetschkommode, Heimatluftkompressor, Schifferklavier. Dies sind nur einige skurrile Beispiele aus einer langen Liste von Instrumenten, die mehr oder weniger mit dem Akkordeon verwandt sind. Das Wort geht zurück auf den Wiener Instrumentenbauer Cyrill Demian, der seine Ziehharmonika durch Hinzufügen von in Akkorden zusammengefassten Bässen verbesserte und unter dem Namen «Accordion» patentieren liess. Sein spezifischer Klang erinnert entfernt an ein Harmonium oder an eine Orgel.

Nejc Grm ist Teil der jungen Generation aufstrebender Akkordeonistinnen und Akkordeonisten. Er arbeitet regelmässig mit zeitgenössischen Musikschaffenden zusammen und erforscht mit ihnen die klanglichen Möglichkeiten seines Instruments. Nebst Originalstücken für Akkordeon aus dem 20. und 21. Jahrhundert umfasst sein Repertoire vor allem Stücke aus dem barocken und klassischen Bereich, so auch Kompositionen von Domenico Scarlatti.

555 Sonaten – das entspricht 35 Stunden Musik. Für Scarlatti bilden die Sonaten das Herzstück seines kompositorischen Schaffens. Die allermeisten hat er für die portugiesische Prinzessin Maria Bárbara de Bragança geschrieben, die er täglich am Cembalo und am Pianoforte unterrichtete. Sie galt als aussergewöhnlich begabt und inspirierte ihn zu immer neuen kompositorischen Glanzleistungen. Als sie den spanischen Kronprinzen Ferdinand heiratete, folgte er ihr nach Madrid. Obwohl Scarlatti sein Geburtsjahr mit Händel und Bach teilt, klingt seine Musik radikal anders. Die harmonischen Wendungen sind kühner und gewähren bereits einen Blick in die Zukunft der Musikgeschichte. Gemäss Hermann Keller heisst es aber auch, «dass in den späteren Sonaten Scarlattis die Überschlagtechnik nicht mehr die Rolle spiele wie früher, weil sowohl er wie seine Schülerin zu korpulent geworden waren, um noch die dazu erforderliche Gewandtheit aufzubringen». Am Hofe stand er im Schatten der Opernkomponisten und des Sängers Farinelli, der allabendlich für den melancholischen König singen musste. Farinelli hat schliesslich dafür gesorgt, dass Scarlattis Werke der Nachwelt überliefert wurden. Er hat die Abschriften von Maria Bárbara geerbt und diese nach Bologna gebracht.

Das Marimbaphon ist heutzutage aus dem Konzertleben nicht mehr wegzudenken. Das Instrument klingt frisch, unverbraucht und eignet sich für eine breite Palette von Musikrichtungen. Doch Vorgängerinstrumente gab es bereits vor Tausenden von Jahren. Mit Stöcken wurde auf Platten aus Knochen oder Holz geschlagen. Als Resonanzraum diente beispielsweise ein ausgehöhlter Kürbis oder ein simples Erdloch. Das afrikanische Balafon ist dem Marimbaphon sehr ähnlich. Auch in vielen asiatischen und lateinamerikanischen Ländern spielen Abwandlungen des Marimbaphons eine wichtige Rolle in der traditionellen Volksmusik. Aber erst nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte sich das Instrument allmählich bis zum heutigen Stand. Die Perkussionistin Marianna Bednarska hat an den letzten beiden Festivalausgaben bereits gezeigt, wie versatil das Instrument klingt und dass es sich gleichermassen für Transkriptionen Alter Musik wie für originale zeitgenössische Werke eignet.

Auch wenn das Neujahrskonzert auf Walzer und italienische Opern verzichtet: Unterhaltsam und aufregend wird es allemal. Mit zwei Instrumenten, die bisher im Schatten von Klavier, Violine und Violoncello standen und sich nun immer häufiger ins Rampenlicht katapultieren. Prosit!

 

 

Dieser Text erscheint im DAVOS FESTIVAL Magazin 1/23.

Titelbild:
Nejc Grm © Álfheiður Erla Guðmundsdóttir
Marianna Bednarska © Kolberg Percussion, Venera Red