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von Tania Oldenhage

Eine Frau läuft einsam durch die Stadt. Mit ihrem alten Mantel und den abgewetzten Schuhen. In dieser Stadt hat niemand auf sie gewartet. Dass sie hier ist – wen kümmert es? Wobei – die Nachbarin war nett. Und der Freund einer Freundin lud sie neulich zum Mittagessen ein. Und die Stadt ist schön mit ihren alten Häusern, dem Fluss und dem See.

Die Frau geht an einem Café vorbei, überlegt kurz, ob sie reinschauen soll. Sieht sich selbst schon am Tisch sitzen. Still und mutterseelenallein. Sie geht am Café vorbei, vorbei an Schaufenstern und Fassaden. Die Menschen auf der Strasse sind verschwommen. Wie Schemen. Niemand schaut ihr in die Augen. Sie zieht den Schal enger um den Hals. Schwer genug, einsam durch eine Stadt zu laufen, wenn die Sonne scheint und der Fluss glitzert. Doch wenn dann der Herbst kommt…

 

«Es ist der Tag in Nebel völlig eingehüllt,
Entseelt begegnen alle Welten sich –
Kaum hingezeichnet wie auf einem Schattenbild.»

 

Das schrieb Else Lasker-Schüler, die vor vielen Jahren einsam durch die schöne Stadt Zürich lief. Im April 1933 war sie von Berlin über Basel nach Zürich geflüchtet, eine Stadt, die sie kannte, die sie mochte und in der sie schon viel erlebt hatte. In den 1920er-Jahren war sie mehrmals in Zürich mit ihren Vorträgen aufgetreten und hatte ein ihr zugewandtes Publikum angetroffen.

«Heute abend liest im Schwurgerichtshof Else Lasker-Schüler», hatte 1925 ein Autor der Neuen Zürcher Zeitung geschrieben. «Wie sie lesen wird, weiss ich nicht, wie sie aber einst gelesen, entzückt noch heute die Erinnerung». (NZZ vom 29.09.1925)

Schwer genug, einsam durch eine Stadt zu laufen, wenn die Sonne scheint und der Fluss glitzert. Doch wenn dann der Herbst kommt …

Doch jetzt war 1933. Die Zeiten hatten sich geändert. Noch in Berlin hatte Else Lasker-Schüler fest damit gerechnet, dass sie in der Schweiz Texte veröffentlichen und auftreten könnte. In Zürich angekommen versuchte sie unverzüglich, Einladungen zu Lesungen zu erhalten. «Ich hoffe, mir gelingt hier vieles», schrieb sie wenige Tage nach ihrer Ankunft. Nicht zuletzt hoffte sie, Geld verdienen zu können. Zum Beispiel wollte sie den Preis für einen Koffer abbezahlen, den sie im Warenhaus Brann an der Bahnhofsstrasse auf Vorschuss bekommen hatte.

Die Hoffnung, in Zürich als Schriftstellerin bald Fuss fassen zu können, wurde jedoch schnell gedämpft. Als sie 1933 nach Zürich flüchtete, war die Literaturszene für Exilautor:innen bereits kein einfaches Pflaster. Selbst eine bekannte grosse Dichterin wurde nicht mit offenen Armen empfangen. Die Angst vor der sogenannten «Überfremdung» und die Sorge um den Erhalt einer Schweizerischen Kunst und Literatur führten dazu, dass Geflüchtete mit ihrer Kunst kein Einkommen verdienen durften. Auch Else Lasker-Schüler hatte von den Schweizer Behörden Erwerbsverbot.

Einsam läuft eine Frau durch die Stadt. Sie hat keine Ahnung, wie lange sie bleiben wird, ob und wann sie nach Hause zurückkehren kann. Sie ist keine junge Frau. Sie will ihr Alter nicht Preis geben. Sie hatte erwartet, dass man sie einladen würde zu Vorträgen und Lesungen, am Radio vielleicht.

Doch die Einladungen sind spärlich. Es sind zu viele Fremde in der Stadt.

Die grosse deutsche jüdische Dichterin Else Lasker-Schüler ist ein Flüchtling.

Die Fremdenpolizei hat ein Auge auf sie. Sie darf nicht arbeiten. Kein Geld verdienen. Sie darf dem Staat aber auch nicht zur Last fallen. Sie weiss nicht, wie das gehen soll.

 

«Wo soll ich hin, wenn kalt der Nordsturm brüllt»

 

In der Forschung ist man sich nicht darüber einig, wie schwierig Else Lasker-Schülers Situation in Zürich tatsächlich war. Wie einsam war sie wirklich? Anders als manch andere hatte sie trotz allem Kontakte. Sie wurde unterstützt von Kulturschaffenden, von Einzelpersonen, von der jüdischen Gemeinde. War Else Lasker-Schüler eine verwöhnte Bohemienne, die nicht zu schätzen wusste, was man ihr Gutes tat? Oder vergessen wir heute nicht allzu leicht die lebensgefährliche Situation, in der sie sich bewegte? In Berlin hatte Else Lasker-Schüler den gewalttätigen Antisemitismus auf der Strasse am eigenen Leib zu spüren bekommen. Als Schriftstellerin war sie besonders exponiert. 1932 war sie mit dem renommierten Kleistpreis ausgezeichnet worden. Damals verunglimpfte der Völkische Beobachter die Auszeichnung der – wie es heisst – «knabenhaft-dürren Jüdin Else Lasker-Schüler» und deren «rein hebräische Poesie» und erklärte: «Für uns ist, was immer eine Jüdin schreibt, vor allem keine deutsche Kunst.» Im Sommer 1932 hatte Else Lasker-Schüler die Krawalle und antisemitischen Ausschreitungen der Nazis mitten in Berlin miterlebt.

 

«Wo weilt der Odem, der aus meinem Leben wich?»

 

Else Lasker-Schülers erster Vortrag nach der Flucht aus Berlin fand oben am Zürichberg statt. Man hatte sie eingeladen, am Abend vom 27. Juni 1933 im sogenannten Studio Fluntern an der Gloriastrasse aus ihrem Werk zu lesen. Lasker-Schüler war eine von mehreren Exilautoren, die in diesem Sommer am Zürichberg auftreten konnten. Zürcher Rechtsextreme reagierten auf die u.a. von Emil Oprecht organisierten Vorträge jüdischer Schriftstellerinnen im Studio Fluntern folgendermassen: «Diese Firma veranstaltet jeden Dienstagabend im Studio Fluntern Vorträge ausländischer flüchtiger Schriftsteller… Und wer sind nun die Besucher solcher Vorträge? Zum grossen Teil setzt sich die Zuhörerschaft aus zürcherischen Juden und deren Hofstaat, der so genannten ‹besseren› Gesellschaft zusammen, also aus Kreisen, die vorwiegend der NZZ nahestehen. Kulturbolschewisten! Geistige Landesverteidigung vor!» Dieser Artikel aus Die Front vom 29. August 1933 wurde Emil Oprecht zusammen mit einer Zeichnung, die ihn am Galgen zeigte, anonym zugesandt.

Eine Dichterin läuft einsam die Limmat entlang, am Bellevue vorbei zum See. Da sitzt sie allein auf einer Bank, füttert die Spatzen, schaut den Schwänen zu, reibt sich die Hände. Es ist kalt. Vom See läuft sie zurück zum Bellevue und dann zum Buchladen Dr. Oprecht an der Rämistrasse 5. Lang steht sie vor dem Schaufenster. Die Buchhandlung hat Bücher ausgestellt, die kürzlich verbrannt wurden auf den Plätzen von Berlin, München, Hamburg, Heidelberg. Mittags sitzt sie alleine im Café und isst ihre Suppe. Am Nebentisch blickt man zu ihr herüber. Schaut mal. Kennt ihr die? Das ist die Lasker-Schüler. Eine merkwürdige Person.

 

«Wie lange war kein Herz zu meinem mild…
Die Welt erkaltete, der Mensch verblich.»

 

Am Nachmittag läuft sie durch die neblige Stadt über die Brücke Richtung Stadthausquai zur Fraumünsterpost. Im Gebäude ist es warm. Sie schreibt Karten an ihre Verwandten, an Freunde und Freundinnen in Deutschland:

«Besitze keinen Groschen mehr.» (16.09.1933)
«Schrecklich wie alle so brotlos herumwandeln.» (23.11.1933)
«Hier nicht leicht sich durchzuschlagen.» (03.12.1933)

In dieser Zeit verfasste Else Lasker-Schüler Gedichte, die zu den wichtigsten Texten der deutschen Exilliteratur wurden. Eines dieser Gedichte trägt den Titel Die Verscheuchte. Klaus Mann veröffentlichte es im März 1934 in der literarischen Monatszeitschrift Die Sammlung, einer Exilzeitschrift für Autorinnen und Autoren, die in Deutschland nicht mehr veröffentlichen durften.

 

«Bald haben Tränen alle Himmel weggespült,
An deren Kelchen Dichter ihren Durst gestillt –
Auch du und ich.»

 

Else Lasker-Schüler wusste es damals noch nicht, aber dieses Gedicht wurde zusammen mit anderen Texten aus ihrem Schweizer Exil zu einer Trostquelle für Menschen, die in späteren Zeiten einsam durch die Strassen einer Stadt liefen.

 

(Lyrik-Zitate: Else Lasker-Schüler, Die Verscheuchte (1934))

 

 

Tania Oldenhage ist Pfarrerin an der Johanneskirche in Zürich und Privatdozentin an der theologischen Fakultät der Universität Basel. Sie hat u.a. zur christlichen Erinnerungskultur nach der Shoah veröffentlicht und ist seit 2005 Redaktorin der feministisch-theologischen Zeitschrift FAMA.

Dieser Text ist im DAVOS FESTIVAL Magazin 1/23 erschienen.