Neujahrskonzert 2027
Freitag, 1. Januar 2027, 17–18.15 Uhr
Dauer: 75 Minuten
Kongresszentrum Davos
Saal Sanada
(Eingang Seite Hallenbad)
Wie klingt der Winter in Davos und wie in Buenos Aires?
Die Jahreszeiten verändern sich: Die Sommer werden wärmer, und der Schnee bleibt vielerorts ein seltener Gast. Und doch klingt jede Jahreszeit anders. Manche Musik möchten wir nur an einem lauen Oktoberabend hören, andere gehört zu einem bitterkalten Januarmorgen. Doch wie klingen die Jahreszeiten wohl in Buenos Aires? Astor Piazzolla schenkt uns dafür einen kleinen Einblick.
Heute gehört Piazzolla zu den bekanntesten Komponist*innen des 20. Jahrhunderts. Als er 1954 nach Paris reiste, um bei der berühmten Nadia Boulanger zu studieren, war er davon noch weit entfernt. In Argentinien kannte man ihn als Bandoneonspieler, doch er wollte als Komponist ernst genommen werden. So reiste er nach Europa, um sich der vermeintlich «ernsten» Musik zu widmen. Später erzählte er selbst von dieser Zeit:
«Als ich sie traf, zeigte ich ihr meine Tonnen voller Sinfonien und Sonaten. Sie schaute sie durch und fällte dann ein erschütterndes Urteil: ‹Sehr gut geschrieben!›, sprach sie, unterbrach mit einem Punkt so gross wie ein Fussball und fuhr nach einer langen Pause fort: ‹Hier klingt es wie Strawinsky, dort wie Bartók, da wie Ravel. Nur Piazzolla kann ich nirgendwo finden.› Dann fragte sie mich über mein Privatleben aus, ob ich eine Frau oder eine Freundin hätte – sie war wie ein FBI-Agent! Ich schämte mich, ihr zu erzählen, dass ich Tangomusiker sei. Ich sagte ihr, ich spielte in einem Nachtclub, weil ich das Wort ‹Cabaret› vermeiden wollte. Sie antwortete: ‹Night club, mais oui, but that is a cabaret, isn’t it?› Ich musste es bejahen und dachte, ich erschlage diese Frau mit einem Radio – sie zu belügen, war nicht leicht! Sie fragte weiter: ‹Sie sind kein Pianist. Was ist Ihr Instrument?› Ich wollte ihr nicht sagen, dass ich Bandoneonspieler war, weil ich dachte, dann wirft sie mich aus dem vierten Stock! Endlich gestand ich es, und sie bat mich, ein paar Stücke zu spielen. Plötzlich öffnete sie die Augen und sagte: ‹Sie Idiot! Das ist Piazzolla!› Und ich nahm die ganze Musik, die ich in den letzten zehn Jahren geschrieben hatte, und schickte sie zur Hölle. Ich studierte 18 Monate bei ihr, die mir halfen wie 18 Jahre, denn sie lehrte mich, an Astor Piazzolla zu glauben und daran, dass meine Musik nicht so schlecht war, wie ich gedacht hatte. Ich hatte geglaubt, ich sei ein Stück Dreck, weil ich in einem Cabaret Tangos spielte – doch gerade das war ja mein Stil. Es war die Befreiung vom verschämten Tangospieler zum selbstbewussten Komponisten.»
Ein Schweizer aus Moskau
Paul Juon (1872–1940) war der Sohn Schweizer Eltern, die nach Moskau ausgewandert waren. Er besass die Schweizer Staatsbürgerschaft, sein Grossvater stammte aus Graubünden, und seine zweite Frau war Schweizerin.
Viele Jahre lebte Juon in Berlin, wo er zu einem bedeutenden Komponisten heranreifte. 1934 liess er sich frühzeitig pensionieren und zog nach Vevey an den Genfersee. So kam die Schweiz zu einem bedeutenden spätromantischen Komponisten – nur wahrgenommen wurde das kaum. Juons Musik war wohl zu russisch, sein Charakter zu bescheiden. Und dann kam das Weltgeschehen dazwischen: Kaum war Juon in Vevey angekommen, zeichnete sich bereits der Zweite Weltkrieg ab. Für einen Schweizer Komponisten russischer Herkunft blieb da wenig Aufmerksamkeit.
Inzwischen hat sich vieles geändert: Paul Juon wird in der Schweiz wiederentdeckt. Er verstand es meisterhaft, unterschiedlichste Stile miteinander zu verbinden. Auch die Amerikanerin Amy Beach (1867–1944) musste sich ihren Platz erkämpfen. Als eine der ersten Frauen in den USA schrieb sie grosse Sinfonik und Kammermusik, vieles davon im Selbststudium erarbeitet.
Zwischen Schwermut und Tanz
Mit seinem «Dumky»-Trio wagte Antonín Dvořák (1841–1904) etwas Ungewöhnliches. Die «Dumka» stammt aus der slawischen Volksmusik und war ursprünglich ein schwermütiges, erzählendes Klagelied. Dvořák macht daraus ein Wechselbad der Gefühle: Auf versonnene, melancholische Abschnitte folgen immer wieder ausgelassene, fast übermütige Tänze. Kaum hat man sich in die Wehmut hineingehört, bricht schon die Lebensfreude durch.
Dvořák schrieb das Trio 1890/91, kurz bevor er nach New York aufbrach. Bei der Uraufführung in Prag sass er selbst am Klavier, und auf einer Abschiedstournee durch Böhmen und Mähren spielte er das Werk unzählige Male. Vielleicht ist es gerade diese Nähe zur Heimat, die das Trio so unmittelbar berührt: Musik, die ganz aus der Volksmusik schöpft und doch weit darüber hinausreicht.
Wie die Jahreszeiten kennt auch das «Dumky»-Trio keinen Stillstand. Licht und Schatten, Ruhe und Bewegung wechseln sich ab, und jede Stimmung trägt die nächste schon in sich.
Astor Piazzolla (1921–1992)
«Invierno Porteño» (Winter) aus: «Las Cuatro Estaciones Porteñas»
Paul Juon (1872–1940)
Trio-Miniaturen, op. 18a und op. 24a
Rêverie, op. 18 Nr. 3
Humoreske, op. 18 Nr. 7
Elegie, op. 18 Nr. 6
Danse phantastique, op. 24 Nr. 2
Amy Beach (1867–1944)
Klaviertrio a-Moll, op. 150: 1. Satz, Allegro
Astor Piazzolla (1921–1992)
«Primavera» (Frühling) aus: «Las Cuatro Estaciones Porteñas»
Antonín Dvořák (1841–1904)
Klaviertrio Nr. 4 e-Moll, op. 90 «Dumky»
Lento maestoso – Allegro quasi doppio movimento (attacca)
Poco Adagio – Vivace non troppo (attacca)
Andante – Vivace non troppo
Andante moderato – Allegretto scherzando – Meno mosso
Allegro
Lento maestoso – Vivace
Programmänderungen vorbehalten.
Eintritt regulär: CHF 90
Eintritt ermässigt Mitglieder: CHF 80
Menschen mit Beeinträchtigung: CHF 80
Eintritt ermässigt Studierende und Lernende (bis 30 Jahre): CHF 40
Eintritt Kinder (bis 12 Jahre): CHF 20