Von Viviane Nora Brodmann
Ob Komponist*innen zu Reisen aufbrachen, neue musikalische Wege bahnten, die Karriere wechselten oder lediglich ihren Lebensumständen trotzten, jeder Schritt ins Unbekannte erforderte Mut. Begleitet wurden sie dabei stets von Musik – oft von ihren eigenen Kompositionen.
Ein musikalisches Abenteuer
Ein Prinz reitet durch die ganze Welt: Er will die Unbekannte finden, mit der er getanzt hat und die ohne Erklärung verschwunden ist. Für sie stürzt er sich in ein Abenteuer, um das es aber gar nicht geht, denn im Zentrum steht Cinderella, die im Schatten ihrer Stiefmutter und Stiefschwestern lebt. Den zwei Hauptfiguren ist besonders eines gemeinsam: Sie brechen ohne zu zögern ins Unbekannte auf – Cinderella zum Ball, der Prinz auf die Suche nach ihr. Davon erzählt Sergej Prokofjews 1945 vollendetes und uraufgeführtes Ballett Cinderella. Mit zahlreichen Tanzformen machte er die Geschichte zu einem Bühnenwerk, das die Zuschauer*innen begeisterte und sie gleichzeitig mit dem Neoklassizismus konfrontierte: Klassische Formen wie etwa Walzer, Passepied und Pas de deux stehen der Klangwelt des Verformten und Grotesken gegenüber, welche auf die Stieffamilie verweisen. Cinderella hingegen verkörpert das Tänzerische, das Neugierige, das die ideale Welt antönt. Das von Aufbruch, Rückkehr und beklemmenden Umständen geprägte Werk existiert aber nicht nur in der vollen Orchesterversion. Noch vor der Uraufführung hatte Prokofjew selbst dazu mehrere kammermusikalische Stücke mit Klavier veröffentlicht – vielleicht sogar als bewussten Teaser für das grosse Werk.
Aufbruch ins Unbekannte
Von notwendigen Veränderungen und Aufbrüchen in neue Lebensabschnitte erzählt nicht nur Prokofjews Musik, sondern auch sein Leben. 1918 verliess er Russland nach der Revolution und mitten im Bürgerkrieg für achtzehn Jahre und begab sich zunächst in die USA, die «neue Welt», wohin es auch andere Komponisten zog. Antonín Dvořák hatte 1892 eine neue Aufgabe in den USA angetreten, 1939 ging Paul Hindemith, der lange der bedrohlichen Situation im nationalsozialistischen Deutschland getrotzt hatte, in die USA ins Exil, und 1940 tat es ihm Nadia Boulanger nach der Besetzung Frankreichs gleich. Dort suchten sie nach Wegen, Neues zu schaffen oder ihr künstlerisches Handwerk fortzusetzen.
Wegbereiter einer neuen Musik
Aus diesem Kreis von Emigrant*innen sticht Antonín Dvořák auf besondere Weise hervor. Man hatte den Komponisten und erfolgreichen Pädagogen aus Prag, wo er auch Josef Suk unterrichtete, wegen seiner Rolle in der Bildung einer tschechischen Nationalmusik ans National Conservatory of Music in New York berufen und ihm eine gewaltige Aufgabe übertragen: «Die Amerikaner erwarten grosse Dinge von mir, vor allem soll ich ihnen den Weg ins gelobte Land und in das Reich der neuen, selbständigen Kunst weisen, kurz, eine nationale Musik schaffen!» Kaum war er 1892 in der Fremde angekommen, tauchte er selbstbewusst in die dortige Musikwelt ein – so lange, «bis ich so weit durchdrungen bin von ihren charakteristischen Zügen, dass ich mir ein musikalisches Bild machen kann». Das wohl berühmteste Ergebnis dieses Wagnisses ist seine Sinfonie Nr. 9 «Aus der neuen Welt». Aus den musikalischen Erkenntnissen und Konzepten entstanden weitere Werke – darunter auch 1893 sein Amerikanisches Quartett in F-Dur op. 96, mit dem er diese neue Musik weiter verfestigte. Hier verbinden sich ausgeprägte melodische Momente mit synkopierten Rhythmen, ein besonders typisches und häufig verwendetes Idiom für folkloristische Anspielungen. So entfaltet sich in diesem Streichquartett auch jener sehnsuchtsvolle Tonfall, der bis heute der amerikanischen Musik zugesprochen wird.
Rückkehr
Doch das mutige Unterfangen hatte seinen Preis. Die Sehnsucht nach der alten Heimat und nach der Familie war übergross. Bereits 1895 verliess Dvořák Amerika wieder, wie einige seiner späteren Berufskolleg*innen nach wenigen Jahren: Nadia Boulanger kehrte 1946, Paul Hindemith 1953 nach Europa zurück. Beide widmeten sich, wie auch Dvořák, zusätzlich zu ihrer kompositorischen Arbeit dem Lehrberuf. Nadia Boulanger sogar ausdrücklich. Sie, die sich als Frau in der mehrheitlich männlichen Kompositionsdomäne behauptete, hatte bereits 1920 den Fokus auf das Unterrichten gelegt und die Kompositionsarbeit aufgegeben – mit Erfolg. Ab 1940 unterrichtete sie in den USA unter anderem an der renommierten Juilliard School und begeisterte: Nach ihrer Rückkehr nach Europa reisten ihr ihre Schüler nach, unter ihnen Aaron Copland, Leonard Bernstein und Daniel Barenboim.
Mut zum Rollenwechsel
Vor ihrem kühnen Bruch mit der Komposition hatte die 1887 geborene Komponistin ein facettenreiches Œuvre geschaffen. Zu Boulangers berühmtesten Werken gehören die Trois pièces pour violoncelle et piano von 1913 und 1915. Ihr Vermächtnis liegt jedoch nicht nur in ihrer Musik. Virgil Thomson, der bei ihr studiert hatte, nannte sie wohl im Namen vieler US-Komponisten seiner Generation «unsere Alma Mater». Der Ausschlag für ihren wegweisenden Richtungswechsel liegt allerdings im Privaten. Nachdem ihre jüngere Schwester Lili 1918 an einer chronischen Lungenentzündung gestorben war, gab Nadia das Komponieren auf. Sie, die sich selbst kein kompositorisches Talent attestierte, meinte: «Meine Schwester Lili, das war eine Komponistin. Sie war schon eine bedeutende Komponistin, als sie mit 24 starb. Sie brachte mich zum Unterrichten.»
Den Umständen zum Trotz
Von Lili Boulanger selbst sind noch weniger Werke erhalten als von Nadia. Die chronische Lungenentzündung begleitete und schwächte sie zunehmend seit ihrem zweiten Lebensjahr. Trotzdem komponierte sie. Von den überlieferten, meist kammermusikalischen Kompositionen gehören heute die Lieder «D’un matin de printemps» und «D’un soir triste» aus ihren letzten Lebensjahren zu ihren bekanntesten. Trotz ihres prekären gesundheitlichen Zustands nahm die junge Frau am Pariser Musikleben teil. So war sie 1915 im Pariser Petit Palais an der Uraufführung ihres Nocturne et cortège als Pianistin beteiligt, das sie am 1. Dezember 1917 in der Salle Gaveau erneut zum Erklingen brachte.
Neue Schritte im fruchtbaren Umfeld
Musikalische Kreise in Paris hatten zu jener Zeit bereits Tradition. Grosse Komponisten wie Claude Debussy waren in den dynamischen kulturellen Stätten verankert, wo sich Künstler*innen und Intellektuelle mischten. Zu diesem Kreis gehörte auch der seit 1888 mit Debussy befreundete Ernest Chausson, dessen Arbeit stark mit dem von Debussy geprägten Impressionismus verbunden ist. Chausson, ursprünglich seines Vaters wegen Jurist, wandte sich dennoch der Musik zu und schloss sich den Pariser Musikkreisen an: Kein Geringerer als Eugène Ysaÿe, ein Stargeiger der Zeit, hatte ihn zu seinem Concert in D-Dur op. 21 angeregt, dessen erfolgreiche Uraufführung 1891 von Vincent d’Indy persönlich organisiert worden war. Beim Titel des Werks für Violine, Klavier und Streichquartett hatte Chausson bewusst den Begriff «Concert» verwendet, womit er sich von der tradierten Form des Doppelkonzerts «Concerto» abwandte. Auch klanglich verfolgt die Komposition eine neue Richtung: Chausson schlug Debussys Weg zum Impressionismus ein und widmete sich so dieser damals noch neuen Stilrichtung. Chaussons musikalisches Engagement endete damit jedoch nicht. Mit seinen eigenen Salons trug er weiter zum inspirierenden Umfeld bei, das für Debussy bis an sein Lebensende wichtig bleiben sollte: Sein letztes Konzert spielte der an Krebs erkrankte Debussy in der Salle Gaveau am 5. Mai 1917: Anlass war die Uraufführung seiner Sonate in g-Moll, mit der er den von ihm geprägten Impressionismus hinter sich liess und den Blick weit in das 20. Jahrhundert richtete.
Erinnerungen und Erfolge dieser musikalischen Netzwerke, biografischen Schnittstellen und einschneidenden Richtungswechsel erklingen am 1. August, 8. August und 11. August in Davos. Im Vordergrund stehen dabei jeweils musikalische Meilensteine, die Komponist*innen mit ihren entschlossenen Aufbrüchen und mutigen Entscheidungen wagten und die zu musikalischen Entdeckungsreisen einladen – in reale wie auch verträumte Klangwelten.
Die Musikwissenschaftlerin Dr. phil. Viviane Nora Brodmann lebt den Spagat zwischen Musikgeschichte und aktuellem Musikgeschehen vor und hinter den Kulissen. Während sie im Künstlerischen Betriebsbüro der Tonhalle-Gesellschaft Zürich mit anderen für reibungslose Konzertabläufe sorgt, pflegt sie ihre Leidenschaft für musikhistorische Themen mit Einführungen und Textbeiträgen zu unterschiedlichsten Themen - von Werkbetrachtungen bis hin zu Ohrenleiden.