Angstschweiss wegen Gagenverhandlung

von Laura Kull
Sängerin, Schreiberin, Mutter und Prokrastiniererin

Vielleicht kennen Sie folgende Erzählung: Eine Klasse muss einen Aufsatz schreiben. Thema ist «Was ist Mut?». Eine Schülerin steht nach drei Minuten auf, reicht ihr Blatt ein. Die verdutzte Lehrperson kann darauf nur einen Satz erspähen: «Das ist Mut.»

Nun soll ich einen Text genau darüber schreiben und würde es am liebsten auch so machen, wie diese Schülerin. Das Thema Mut ist gross und erschlägt mich ein wenig. Also prokrastiniere ich und widme mich dem zweitschwierigsten To-do des Tages: Ich setze mich an den Laptop und wage mich an Gagenverhandlungen als freischaffende Musikerin.

Sie, liebe Konzertbesucher*innen, sehen oft nur die glamouröse Spitze des Eisbergs unseres Berufsstands, nämlich das Konzert. Die schönen Konzertkleider, die lächelnden Musiker*innen auf der Bühne. Bravo, bravo! Ich kann Ihnen sagen: So glamourös ist es oft nicht. Vielleicht in der Speckschicht, aber nicht hier, wo sich die meisten von uns bewegen. Einsingen in der Besenkammer. Vom Backstage durch den Schneesturm Richtung Kirche schlittern. Milch abpumpen unter den strengen Augen des Sakristans. Um hier nur einige Perlen aus meinem Leben als Sängerin zu nennen. Aber es gibt nichts, was meinen Puls so hochschnellen lässt wie Gagenverhandlungen. Wenn es telefonisch geschieht – Krankenwagen.

Sie fragen sich jetzt vielleicht, was daran so schlimm ist. Nun, kurz gesagt: Es gibt immer jemanden, der es für weniger macht. Lohndumping ist real, und unserem Berufsstand fehlt schlicht eine Gewerkschaft. Es gibt vom Schweizer Musikerverband und von Sonart eine Tarifliste mit einem Mindesttarif. Ich gebe Ihnen ein Beispiel, da müssen Sie jetzt durch:

Sie besuchen ein Konzert, und auf der Bühne steht ein 15-köpfiges Ensemble, das im Vorfeld viermal à drei Stunden probt und nun eine Aufführung hat. Pro Probe verdient die Cellistin 185.–, für einen Auftritt 215.–. Das macht für das ganze Projekt 995.– nach Mindesttarifempfehlung des Schweizer Musikerverbandes. Die individuelle Vorbereitungszeit ist in diesem Honorar bereits enthalten. Bezahlt werden müssen noch die Altersvorsorge, Miete des Probenraums, Instrument, Reisezeit, administrative Aufgaben, Pflege des Instruments, eventuell auch Spesen. Am Schluss bleibt nicht mehr viel übrig. Und der Mindesttarif wird bei weitem nicht immer eingehalten.

Sie sehen, Gagenverhandeln macht weniger Spass als mit Magendarmgrippe hohe Töne zu singen. Und es braucht Mut. Den kratze ich mir jetzt zusammen und verhandle. Ich preise mich an wie eine Kuh auf dem Markt, aber nicht zu verzweifelt, das kommt nicht gut an. Ich muss charmant bleiben, denn ich bin eine Frau und Frauen haben gefälligst charmant zu sein. Aber nicht zu sehr, denn sonst gibt es schlimmstenfalls vom Dirigenten eine Einladung zum Abendessen. Ich muss wissen, ob ich den Job brauche, weil es in diesem Monat vielleicht eher mau aussieht mit anderen Konzerten. Und schlussendlich muss ich hinter mir stehen, meinen Wert selber kennen und vermitteln, dass dies mein Job ist, mit dem ich mich und meine Familie ernähre. Mein Job, den ich auch nach fünfzehn Jahren sehr liebe und gut mache.

Zum Glück muss ich mit vielen Arbeitgeber*innen nicht verhandeln, weil sie fair bezahlen und ich mich auf das Wichtige konzentrieren kann: die Musik. Und wenn ich Zeit habe, darauf einen Text über Mut zu schreiben.