von Laura Kull
Sängerin, Schreiberin, Mutter und Grossmaul
Neulich hat mir jemand gesagt, ich sei ein mutiger Mensch. Darüber habe ich lange nachgedacht. Ja, ich sage, was ich denke, und bin deswegen schon in manch brenzlige Situationen geraten. Ich bin laut – und das, Gott bewahre, als Frau. Ich stehe auf der Bühne und singe vor vielen Leuten. Ich hatte ein wüstes Gerangel mit einem mir unbekannten Mann, weil er auf der Strasse eine Frau immer wieder geohrfeigt hat. Diese Dinge zu erzählen, scheint prahlerisch und plakativ. Sie schreien laut: Bravo! Doch haben sie mich oft wenig Überwindung gekostet. Geht es aber darum, der Bedienung zu sagen, dass ich keine Weinschorle, sondern ein Bier bestellt habe, hab ich die Hosen voll.
Den Mutigen gehört die Welt, sagt man. Da denkt man an Erfolgsgeschichten. An moderne Ritter, die mit Laptop und Matcha Latte bewaffnet in ein Meeting ziehen, um ein Startup zu gründen. Oder an die, die aus einem Flugzeug springen, um sich in letzter Sekunde mit einem Fallschirm zu retten. Man denkt an die James Bonds unserer Zeit und oft an Männer. Dieser Mut ist beeindruckend laut. Doch vergessen wir vielleicht die, die im Stillen mutig sind, tagtäglich mutig sein müssen. Der Pflegefachmann zum Beispiel, der trotz der schlechten Arbeitsbedingungen weitermacht, weil er sich kümmert. Die Grossmutter, die sich traut zu sagen, dass sie nicht auf ihre Enkel aufpassen will. Die Frau, die ihrer Freundin nach Jahren beichtet, dass sie von deren selbstgebackenen Apfelkuchen, den sie monatlich vorbeigebracht bekommt, Bauchweh kriegt. Wer diese Mutproben besteht, bekommt keine Lorbeeren. Sie gehen im Geschreie der muskelbepackten Aktionen unter.
«Für was hast du Mut gebraucht?», habe ich gefragt. Ein Vater hat sich für ein zweites Kind entschieden. Einer vereinbart telefonisch einen Termin beim Coiffeur. Eine Frau fährt nach der Trennung vom Vater ihres Kindes alleine in die Ferien. Jemand gibt der Ehe noch eine Chance. Meine Tochter hatte ihren ersten Tag im Kindergarten. Es sind manchmal die von aussen betrachtet kleinen Mutproben, die uns am meisten kosten. Die, die jeden Tag irgendwo gewagt werden müssen. Die ungewohnten Gefilde, die uns für unsere perfekt einstudierten Choreografie der sozialen Abläufe einen spiegelglatten Boden bieten.
Meine kopflosen Aktionen, welche mich vielleicht auf den ersten Blick mutig wirken lassen, lenken vielleicht auch ab. Ein Ablenkungsmanöver, welches dazu dient, eben diesen Risiken, die im Stillen passieren müssen, die Show zu stehlen. Es geht darum, anzuecken, uncool zu sein, aus der Reihe zu tanzen, für sich einzustehen und Platz einzunehmen. Mutig zu sein mit Dingen, mit denen nicht geprahlt werden kann.
Ich nehme mir also vor, dem stillen Mut mehr Bühne zu geben. In meinem sozialen Kreis, in dem die Kinder ab und an einen Dinkelkeks gesüsst mit Agavendicksaft knuspern, zuzugeben, dass ich mit meinen Kindern auch mal zu McDonald’s gehe. Die in einem Gespräch aufkeimende Stille aushalten. Auf die Frage, was ich gerade für ein Buch lese, ehrlich zu antworten. Nämlich: «Ich lese nichts und scrolle stundenlang auf Instagram, bis entweder ich oder meine Finger einschlafen.» Oder einfach mal zugeben, dass ich vielleicht gar nicht so mutig bin.